Wie man gut leidet

Wie man gut leidet

Das Le­ben ver­än­dert sich stän­dig. Der Ver­lust von dem, was wir jetzt be­sit­zen, ist nicht ver­han­del­bar. Krank­heit, Tod, Kon­flik­te und Be­zie­hungs­ab­brü­che ge­hö­ren zum Le­ben un­um­gäng­lich dazu. Doch ge­ra­de das be­schert uns auch, dass wir lei­den. An­ders ge­sagt: Es ist un­mög­lich, nicht zu lei­den, es sei denn, man ver­wei­gert sich dem Le­ben. Es lohnt da­her nicht, die­se Tat­sa­che zu be­kämp­fen. Ge­ra­de hat die christ­li­che Fas­ten­zeit in Vor­be­rei­tung auf das Os­ter­fest be­gon­nen. Ihre Grund­mo­ti­ve sind die Wüs­te, Lee­re und Stil­le. Sie ste­hen für die un­um­gäng­li­che Selbst­kon­fron­ta­ti­on des Men­schen mit den her­aus­for­dern­den und schmerz­haf­ten Le­bens­mo­men­ten. Die Fas­ten­zeit ist auch des­halb eine Ein­la­dung, sein Le­ben ehr­lich an­zu­schau­en. In al­ler Kon­se­quenz heißt das dann auch, Wege zu su­chen, das Lei­den ins Le­ben zu in­te­grie­ren und da­mit zu ar­bei­ten: Denn zu lei­den heißt zu leben.

Wenn uns das Glück nicht wohl­ge­sinnt ist, emp­fin­den wir das als „un­ge­recht“. Wenn uns et­was in den Hän­den zer­bricht oder je­mand Wich­ti­ges stirbt, weh­ren wir uns in­ner­lich da­ge­gen. Das sind ver­schie­de­ne Ar­ten aus­zu­drü­cken: „Die ge­gen­wär­ti­gen Um­stän­de sind nicht ak­zep­ta­bel. Sie soll­ten an­ders sein.“ Doch so ler­nen wir nicht, in ei­ner Welt zu le­ben, die im­mer wie­der Zu­mu­tun­gen bereithält.

Man könn­te es fol­gen­der­ma­ßen zu­sam­men­fas­sen: Schmerz ist un­ver­meid­bar, aber Lei­den ist es nicht un­be­dingt. Das Aus­maß un­se­res Lei­dens ist maß­geb­lich da­von ab­hän­gig, wie wir schmerz­li­che Si­tua­tio­nen und Her­aus­for­de­run­gen wahr­neh­men und be­wer­ten, wel­che Ein­stel­lung wir ent­wi­ckeln und wel­che per­sön­li­chen Ant­wor­ten wir fin­den. Dazu ge­hö­ren ak­ti­ves Han­deln ge­nau­so wie eine in­ne­re Hal­tung der Akzeptanz.

MU­SIK: Se­quence – Lu­do­vico Ein­au­di: The Sum­mer Portraits

Der ös­ter­rei­chi­sche Psych­ia­ter Vik­tor Frankl be­schreibt sei­ne Auf­fas­sung von Schmerz, vom Lei­den und wie wir dem ei­nen Sinn ge­ben kön­nen in sei­nem be­kann­ten Buch: „Die Su­che des Men­schen nach dem Sinn“. Als Ge­fan­ge­ner in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Na­zis über­leb­te er, wäh­rend sei­ne El­tern, sein Bru­der und sei­ne schwan­ge­re Frau ge­tö­tet wur­den. Frankl wur­de al­les genommen.

In die­ser Zeit ge­wann er Ein­sich­ten und Er­kennt­nis­se, die sein wei­te­res Le­ben prä­gen sollten.

Schwer­wie­gen­de und un­ver­ständ­li­che Er­leb­nis­se kön­nen Ver­zweif­lung und das Ge­fühl to­ta­ler Sinn­lo­sig­keit her­vor­ru­fen. Die­se Er­fah­run­gen ha­ben je­doch auch das Po­ten­zi­al, das Den­ken, Füh­len und Ver­hal­ten ei­nes Men­schen grund­le­gend zu ver­än­dern. Bei­de Re­ak­ti­ons­mus­ter konn­te Frankl wäh­rend sei­ner Zeit im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger beobachten.

Ei­ni­ge der La­ger­in­sas­sen bra­chen zu­sam­men und ver­lo­ren jeg­li­che Hoff­nung. Sie hör­ten auf, an eine Zu­kunft zu glau­ben. Ihr Ver­trau­en in sich selbst und die Mensch­heit war ge­schwun­den. Sie ga­ben auf und star­ben manch­mal auch des­halb be­reits nach kur­zer Zeit.

Frankl be­merk­te je­doch auch, dass nicht alle im Schmerz des La­gers un­ter­gin­gen. Ei­ni­ge Per­so­nen ent­schie­den sich trotz al­ler Wid­rig­kei­ten und um­ge­ben­der Grau­sam­kei­ten im­mer wie­der da­für, durch­zu­hal­ten und nach Hoff­nungs­grün­den und Sinn­mo­men­ten Aus­schau zu hal­ten. Die­se Men­schen über­leb­ten. Frankl er­kann­te die wich­ti­ge Lek­ti­on, die ihm ver­mit­telt wurde:

„Was wir wirk­lich brauch­ten, war eine grund­le­gen­de Än­de­rung un­se­rer Ein­stel­lung zum Le­ben. Wir muss­ten selbst ler­nen und dar­über hin­aus den ver­zwei­fel­ten Men­schen bei­brin­gen, dass es nicht dar­auf an­kam, was wir vom Le­ben er­war­te­ten, son­dern was das Le­ben von uns er­war­te­te. Wir muss­ten auf­hö­ren, nach dem Sinn des Le­bens zu fra­gen, und uns statt­des­sen als die­je­ni­gen be­trach­ten, die vom Le­ben be­fragt wer­den – täg­lich und stünd­lich. Un­se­re Ant­wort muss nicht im Re­den und Me­di­tie­ren be­stehen, son­dern im rich­ti­gen Han­deln und im rich­ti­gen Ver­hal­ten. Le­ben be­deu­tet letzt­lich, die Ver­ant­wor­tung da­für zu über­neh­men, die rich­ti­ge Ant­wort auf sei­ne Pro­ble­me zu fin­den und die Auf­ga­ben zu er­fül­len, die es je­dem Ein­zel­nen stän­dig stellt.“

Frankl be­tont, dass es in un­se­rer Ver­ant­wor­tung liegt, eine per­sön­li­che Le­bens­phi­lo­so­phie zu ent­wi­ckeln und nach un­se­ren ei­ge­nen ethi­schen Grund­sät­zen zu le­ben. Die­se Ver­ant­wor­tung kann nicht auf an­de­re über­tra­gen wer­den. Nur da­durch ge­stal­ten wir un­ser Le­ben ak­tiv, er­lan­gen wir Er­fül­lung und die not­wen­di­ge Kraft, um Wid­rig­kei­ten zu über­win­den. Wir müs­sen also mög­li­che Schmer­zen und Lei­den in Be­tracht zie­hen und dür­fen sie nicht ver­mei­den. Für Frankl war das so­gar ein we­sent­li­cher Be­stand­teil sei­nes Kon­zepts. Er schreibt:

„Wenn es über­haupt ei­nen Sinn im Le­ben gibt, dann muss es auch ei­nen Sinn im Lei­den ge­ben. Das Lei­den ist ein un­aus­lösch­li­cher Teil des Le­bens, ge­nau­so wie das Schick­sal und der Tod. Ohne Lei­den und Tod kann das mensch­li­che Le­ben nicht voll­stän­dig sein.“

MU­SIK: Unf­or­gi­ven – Aron von Selm: Unforgiven

Schmerz und Lei­den bie­ten die Mög­lich­keit, tie­fe­re und be­deu­tungs­vol­le­re Zie­le zu ver­fol­gen. So kön­nen wir uns, un­ab­hän­gig von der In­ten­si­tät un­se­res Lei­dens, dazu ent­schei­den, trotz­dem wür­de­voll zu han­deln. Wir ha­ben die Chan­ce, un­se­re Wer­te zu wäh­len und das Lei­den als eine Ge­le­gen­heit zu be­trach­ten, die­se Wer­te kla­rer zu er­ken­nen. Was sich nach ei­ner Zu­mu­tung an­hö­ren mag, wur­de für Frankl in den all­täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger zur Realität:

„Wir, die wir in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ge­lebt ha­ben, kön­nen uns an die Män­ner er­in­nern, die durch die Ba­ra­cken gin­gen, um an­de­re zu trös­ten und ihr letz­tes Stück Brot zu ver­schen­ken. Es mö­gen nur we­ni­ge ge­we­sen sein, aber sie sind ein hin­rei­chen­der Be­weis da­für, dass ei­nem Men­schen al­les ge­nom­men wer­den kann, bis auf ei­nes: die letz­te der mensch­li­chen Frei­hei­ten – die Wahl der ei­ge­nen Hal­tung un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den, die Wahl des ei­ge­nen We­ges (…) Es ist die­se geis­ti­ge Frei­heit – die nicht weg­ge­nom­men wer­den kann -, die das Le­ben sinn­voll und ziel­ge­rich­tet macht.“

Frankl will sa­gen, dass Wachs­tum und Ent­wick­lung selbst in­mit­ten un­sag­ba­rer Wid­rig­kei­ten, Not und Ent­beh­run­gen mög­lich sind. Die Art und Wei­se, wie wir per­sön­li­che Über­zeu­gun­gen, Wer­te und Denk­wei­sen ent­wi­ckeln, er­mög­licht es dem ei­nen, eine Ka­ta­stro­phe als Neu­an­fang zu be­trach­ten, wäh­rend der an­de­re dar­in le­dig­lich ein völ­li­ges Ver­sa­gen sieht.

Frankl be­tont die mensch­li­che Fä­hig­keit, selbst zu ent­schei­den, wie man auf un­ge­wähl­te Er­eig­nis­se re­agiert und wel­che Be­deu­tung man ih­nen bei­misst. Er be­schreibt es prägnant:

„Zwi­schen Reiz und Re­ak­ti­on liegt ein Raum. In die­sem Raum liegt un­se­re Macht zur Wahl un­se­rer Re­ak­ti­on. In un­se­rer Re­ak­ti­on lie­gen un­se­re Ent­wick­lung und un­se­re Frei­heit. (…) Der Mensch ist nicht frei, zu ent­schei­den, was ihn er­eilt, aber er ist frei, wie er dar­auf reagiert.“

Für Frankl war es we­sent­lich, nicht in ei­nem pas­si­ven Zu­stand zu ver­har­ren, der kon­ti­nu­ier­lich das Ge­fühl ver­mit­telt, ein Op­fer des Le­bens zu sein. Das wür­de le­dig­lich den Schmerz ver­län­gern und die Er­kennt­nis­se ver­zö­gern, die wir aus die­sem Schmerz ge­win­nen kön­nen und sol­len. Da­bei geht es nicht dar­um, dass der Schmerz an sich ei­nen Sinn er­gibt, son­dern viel­mehr dar­um, wie wir uns mit ihm aus­ein­an­der­set­zen und dar­in neu ei­nen Sinn ent­de­cken. Frankl war der An­sicht, dass jede Per­son je­der­zeit dazu in der Lage ist, die­se Ar­beit in­mit­ten ei­ner Schmerz­er­fah­rung an­zu­ge­hen. Man kann sei­ne Hal­tung wäh­len und sie durch ak­ti­ves Han­deln in sei­ner Um­ge­bung zum Aus­druck bringen.

MU­SIK: Gjen­di­nes Ban­lat – Iver Klei­ne und Aage Kval­bein: Til Trost

Wie ist ein gu­tes Le­ben mög­lich trotz äu­ße­rer Be­schrän­kun­gen, auf die wir kei­nen Ein­fluss ha­ben? Be­reits vor Vik­tor Frankl setz­ten sich zahl­rei­che Den­ker mit der Fra­ge aus­ein­an­der. Ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel da­für ist Epik­tet, ein be­deu­ten­der grie­chi­scher Phi­lo­soph des 1. Jahr­hun­derts. Ur­sprüng­lich als Skla­ve ge­bo­ren, ge­lang­te er nach Rom und wur­de spä­ter frei­ge­las­sen. Sei­ne Phi­lo­so­phie be­ton­te die Un­ter­schei­dung zwi­schen be­ein­fluss­ba­ren und un­be­ein­fluss­ba­ren Din­gen. Er lehr­te, dass Glück und Frei­heit durch die Kon­trol­le in­ne­rer Ein­stel­lun­gen und die Ak­zep­tanz äu­ße­rer Um­stän­de er­reicht wer­den kön­nen. Die­se An­sich­ten präg­ten vie­le spä­te­re Den­ker maß­geb­lich. Epik­tet for­mu­lier­te sehr pragmatisch:

„Ei­ni­ge Din­ge lie­gen in un­se­rer Kon­trol­le, an­de­re nicht. Din­ge, die in un­se­rer Kon­trol­le sind, sind Mei­nung, Stre­ben, Ver­lan­gen, Ab­nei­gung, kurz ge­sagt, was auch im­mer un­se­re ei­ge­nen Hand­lun­gen sind.

Din­ge, die wir nicht un­ter Kon­trol­le ha­ben, sind der Kör­per, das Ei­gen­tum, der Ruf, der Be­fehl und, kurz ge­sagt, al­les, was nicht un­se­re ei­ge­nen Hand­lun­gen sind. Die Din­ge, die wir be­herr­schen, sind von Na­tur aus frei, un­be­hin­dert, un­ge­hin­dert; die Din­ge aber, die wir nicht be­herr­schen, sind schwach, skla­visch, be­schränkt, ge­hö­ren an­de­ren. Denkt also daran.“

Folgt man Epik­tet liegt ein ers­ter Schritt im Um­gang mit dem Lei­den dar­in, die Din­ge zu un­ter­schei­den in: Ver­än­der­bar und un­ver­än­der­bar. Ähn­lich drückt es das so­ge­nann­te „Ge­las­sen­heits­ge­bet“ aus. Dar­in heißt es:

„Gott gebe mir die Ge­las­sen­heit, Din­ge an­zu­neh­men, die ich nicht än­dern kann, den Mut, Din­ge zu än­dern, die ich än­dern kann und die Weis­heit, das eine vom an­de­ren zu unterscheiden.“

Wenn Sie das nächs­te Mal mer­ken, dass Sie lei­den, soll­ten Sie also erst­mal in­ne­hal­ten und sich fra­gen: Liegt die Sa­che in mei­nem Ein­fluss­be­reich und kann ich es kon­trol­lie­ren? Oder liegt es im Ein­fluss­be­reich ei­ner an­de­ren Per­son oder ei­nes ex­ter­nen Fak­tors? Oder ist es völ­lig au­ßer­halb der Kon­trol­le von ir­gend­je­man­dem? Nur auf die ers­te Fra­ge kön­nen wir prag­ma­tisch re­agie­ren. Den Rest müs­sen wir, wie es das Ge­las­sen­heits­ge­bet emp­fiehlt, ler­nen zu akzeptieren.

MU­SIK: The Lord Bless You and Keep You (Arr. for Dou­ble Bass & Pia­no by Do­mi­nik Wag­ner) – John Rut­ter – Chap­ters (A Dou­ble Bass Story)

Je­des Lei­den ist ein Ja zur Rea­li­tät. Teil des Lei­dens bleibt ein Mo­ment der Sinn­lo­sig­keit, durch den ich mich nur vor­sich­tig hin­durch­tas­ten kann. Aber al­lein in der per­sön­li­chen und un­ver­tret­ba­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit mei­nen schmerz­haf­ten Er­fah­run­gen über­neh­me ich Ver­ant­wor­tung für mei­ne Le­bens­ge­schich­te. Das braucht Raum und Zeit, den die nun be­gon­ne­ne christ­li­che Fas­ten­zeit mit ih­rem be­wuss­ten Ver­zicht auf Ab­len­kung und Aus­wei­chen bie­ten kann.

Für Chris­ten, die in die­ser Zeit be­wuss­ter den Blick auf Je­sus rich­ten, gibt sein Weg Hoff­nung. Denn im Le­ben und Ster­ben Jesu Chris­ti wird deut­lich, dass Gott in un­se­re Lei­dens­ge­schich­te buch­stäb­lich eingeht.

Fol­ter und Kreu­zes­tod wa­ren die Kon­se­quenz für Jesu Ein­satz, der al­ler­dings nicht mit dem de­sas­trö­sen Tod en­de­te, son­dern in der Auf­er­ste­hung das letz­te Ur­teil fand. So wird das Leid in eine ver­än­der­te, hoff­nungs­vol­le­re Per­spek­ti­ve ge­rückt und Hoff­nung braucht man, um aus Ohn­macht oder Ver­zweif­lung herauszugehen.

Hoff­nung wächst, wenn wir im­stan­de sind, uns ein Ziel zu set­zen, die Ent­schlos­sen­heit und das Durch­hal­te­ver­mö­gen ha­ben, die­ses Ziel zu ver­fol­gen, und an un­se­re Hand­lungs­fä­hig­keit glau­ben. So wird Hoff­nung ge­lernt. So wer­de ich fä­hig, die Her­aus­for­de­run­gen in An­griff zu neh­men, die mir das Le­ben vor die Füße legt und mich dem Lei­den zu stellen.

Wenn sich der Mensch ent­schei­det, nicht in Schuld­zu­wei­sun­gen, Pes­si­mis­mus oder Re­si­gna­ti­on zu ver­har­ren, zeigt er die Fä­hig­keit zu Schön­heit, Barm­her­zig­keit, Ein­falls­reich­tum und Wi­der­stands­fä­hig­keit – selbst in­mit­ten von Leid und Schmerz.

MU­SIK: Due Tra­mon­ti – Lu­do­vico Ein­au­di: Eden Rod