„Trau der Sehn­sucht!“ – Os­tern und der sinn­vol­le Glau­be an die Auferstehung

„Trau der Sehn­sucht!“ – Os­tern und der sinn­vol­le Glau­be an die Auferstehung

Es ist Os­tern. Chris­ten fei­ern die Auf­er­ste­hung. Sie fei­ern den Glau­ben dar­an, dass Leid und Elend nicht ge­siegt ha­ben und dem Tod das letz­te al­les be­stim­men­de Wort ge­nom­men wur­de. Sie fei­ern, dass Je­sus Chris­tus von den To­ten auf­er­weckt wor­den ist und wir des­we­gen Hoff­nung ha­ben dür­fen, dass auch nach un­se­rem Ster­ben noch et­was zu er­war­ten ist.
Doch: Gibt es gute Grün­de, das zu hof­fen? Oder ist es nur eine Ver­trös­tungs­stra­te­gie, um der bit­te­ren Wahr­heit nicht ins Ge­sicht se­hen zu müs­sen, dass mit dem Tode al­les aus ist?
Die­se Fra­ge ist kei­ne theo­re­ti­sche. Sie ist exis­ten­zi­ell. Sie trifft uns nicht nur, wenn wir bei ei­ner Be­er­di­gung am of­fe­nen Grab ei­nes lie­ben Ver­stor­be­nen ste­hen, und uns fra­gen: War es das jetzt?
Die­se Fra­ge steht bei den gro­ßen ge­sell­schaft­li­chen Kri­sen un­se­rer Zeit im Raum: Wenn Men­schen an den Gren­zen Eu­ro­pas ster­ben. Wenn wir in den Nach­rich­ten von Mas­sen­grä­bern in Kriegs­ge­bie­ten hö­ren. Wenn El­tern ihr Kind be­er­di­gen müs­sen, das ei­nem Amok­lauf, ei­ner Ka­ta­stro­phe, ei­nem Un­fall oder ei­ner Krank­heit zum Op­fer ge­fal­len ist. Wenn in Pfle­ge­hei­men Men­schen al­lein ster­ben, weil nie­mand Zeit hat, sich dazuzusetzen.
In all die­se Mo­men­te hin­ein stellt sich die Fra­ge: Ist es das ge­we­sen? Ist un­ser Kör­per le­dig­lich das Er­geb­nis ei­nes evo­lu­tio­nä­ren Zu­falls? Ist un­ser Be­wusst­sein ein neu­ro­na­les Feu­er­werk, un­se­re Per­sön­lich­keit Bio­che­mie und wenn der Kör­per stirbt, ist es schlicht aus? Ist das Le­ben eine An­ein­an­der­rei­hung von Mo­men­ten, die schluss­end­lich und schlimms­ten­falls im Ar­chiv der Sinn­lo­sig­keit ver­schwin­den? Geht die Ge­schich­te ei­nes Men­schen wirk­lich ein­fach so zu Ende?

MU­SIK: On the Na­tu­re of Day­light (Or­ches­tral Ver­si­on) – Max Richter

Ma­chen Sie mit mir ein Ge­dan­ken­spiel: Grei­fen Sie in­ner­lich zu Ih­rem Lieb­lings­ro­man. Wür­de ich Sie nun fra­gen: wo be­fin­det sich die ei­gent­li­che Ge­schich­te der Lek­tü­re, also der Stoff des Ro­mans, dann wür­den Sie ver­mut­lich leicht ir­ri­tiert ant­wor­ten: na­tür­lich im Buch.
Nimmt man aber jetzt eine ein­zel­ne Sei­te aus die­sem Buch her­aus und be­trach­tet sie, er­kennt man le­dig­lich Pa­pier – her­ge­stellt aus Holz, Was­ser und Leim. Dazu kommt schwar­ze Tin­te, also Far­be, die Buch­sta­ben formt. Die ei­gent­li­che Ge­schich­te aber wer­den Sie nicht fin­den. Das Aus­ein­an­der­neh­men je­der Sei­te lässt die Hand­lung des Bu­ches nicht erkennen.Naturwissenschaftlich be­weis­bar ist nur das Ma­te­ri­al. Doch die Ge­schich­te, die Sie so fas­zi­niert, lässt sich dar­auf nicht reduzieren.
Sie exis­tiert un­ab­hän­gig von ma­te­ri­el­len For­men wie Pa­pier. Sie blie­be so­gar er­hal­ten, wenn Sie sämt­li­che Aus­ga­ben Ih­res Bu­ches ver­nich­te­ten. Denn eine Ge­schich­te ist nicht greif­bar. Den­noch käme nie­mand auf die Idee in­fol­ge­des­sen zu be­haup­ten, die Ge­schich­te exis­tie­re nicht.
Sie mer­ken viel­leicht schon, wor­auf ich hin­aus will: Was ist mit der Ge­schich­te Ih­res Le­bens? Ihr und mein „Ich“ er­lebt auf ein­ma­lig un­nach­ahm­li­che Wei­se die­se Welt. Je­der Mensch be­sitzt die­ses Ich in sei­nem In­ne­ren. Der rus­si­sche Dich­ter Jew­ge­ni Jew­tu­schen­ko bringt es in ein­fühl­sa­men Wor­ten auf den Punkt:

„Je­der hat sei­ne ge­hei­me Welt,
von ei­nem schöns­ten Au­gen­blick erhellt,
von ei­nem schreck­lichs­ten Tag versehrt:
und al­len an­dern ist sie ganz verwehrt.

Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt mit ihm
sein ers­ter Schnee aus je­ner grau­en Früh,
sein ers­ter Kuß nachts und sein ers­ter Zorn:
und all das nimmt er mit sich fort.

[…]

Die Men­schen ge­hen fort… Dann sind sie fort.
Ihre Wel­ten sind ein to­ter lee­rer Ort.
Und je­des­mal, und denk ich dein,
möch­te ich über die­ses Ende schrein.¹

Am Ende ei­nes Le­bens wird man sich wohl er­in­nern ins­be­son­de­re an zwei Ar­ten von Er­fah­run­gen: an Zei­ten in­ten­si­ver Zu­nei­gung, so­wie an Pha­sen gro­ßer Her­aus­for­de­run­gen. Das sind die Brenn­punk­te mei­nes ein­ma­li­gen, un­ver­wech­sel­ba­ren Lebens.
Die­ses Ich mit­samt sei­ner Ge­schich­te kann al­ler­dings nicht ein­fach aus uns her­aus­ge­schnit­ten und auf den Tisch ge­legt wer­den kann. Es ist nicht or­ga­nisch in mir fest­zu­ma­chen we­der im Ge­hirn noch im Her­zen oder Rü­cken­mark. Die­ses Ich ist mehr als un­ser Kör­per. Das mei­ne ich nicht im Sin­ne ei­nes bil­li­gen Tros­tes, son­dern als nüch­ter­ne Fest­stel­lung. War­um soll­te aus­ge­rech­net die­se Ge­schich­te un­se­res Le­bens, un­se­rer Lie­be, un­se­rer Er­fah­run­gen und Hoff­nun­gen im Nichts ver­schwin­den, nur weil un­ser Kör­per vergeht?

MU­SIK: A Tear – Sven Hel­big – Po­cket Symphonies

Mensch­li­che Ge­schich­te wird an­ge­trie­ben von zwei grund­le­gen­den Sehn­süch­ten, die uns prä­gen und mo­ti­vie­ren. Die ers­te Sehn­sucht ist, dass Lie­be von Dau­er sein möge. So­gar der kon­se­quen­tes­te Athe­ist wird dem zu­stim­men. Spä­tes­tens am of­fe­nen Grab des Ver­stor­be­nen kann ich mir kaum je­man­den vor­stel­len, der sich nicht wünsch­te, es möge an­ders sein. Die­se Lie­be, möge sie doch dauern.
Je­der, der be­reits mit ei­nem der­ar­ti­gen Ver­lust kon­fron­tiert war, weiß, dass die Lie­be mit dem Tod nicht ein­fach en­det. Wir hö­ren nicht auf, Lie­be zu emp­fin­den oder eine Be­zie­hung zu je­man­den ha­ben, nur weil der be­tref­fen­de Mensch nicht mehr kör­per­lich prä­sent ist.
Das Be­zie­hungs­ge­fü­ge, das Emp­fin­den, das Füh­len, das Re­den – all das geht wei­ter. So hält auch die Bi­bel als zen­tra­le Aus­sa­ge fest, dass wah­re Lie­be nicht beim Tod en­det, son­dern ihn an Kraft übertrifft.

Leg mich wie ein Sie­gel auf dein Herz, /
wie ein Sie­gel auf dei­nen Arm, denn stark wie der Tod ist die Liebe, /
die Lei­den­schaft ist hart wie die Un­ter­welt! Ihre Glu­ten sind Feuergluten, /
ge­wal­ti­ge Flammen.
Mäch­ti­ge Was­ser kön­nen die Lie­be nicht löschen, /
auch Strö­me schwem­men sie nicht hinweg.
Böte ei­ner für die Lie­be den gan­zen Reich­tum sei­nes Hauses, /
nur ver­ach­ten wür­de man ihn.²

Die Lie­be ver­langt nach Ewig­keit. Zu­gleich scheint die­se Sehn­sucht un­er­füll­bar. Denn Lie­be kann sich selbst nicht das ge­ben, wo­nach ihr ver­langt. Und zum an­de­ren wer­den auch ge­lieb­te Men­schen ir­gend­wann ster­ben. Die christ­li­che Bot­schaft der Auf­er­ste­hung aber ver­heißt, dass un­se­re Sehn­sucht nach Lie­be nicht ins Lee­re geht. Sie ist kei­ne Fehl­pro­gram­mie­rung mensch­li­chen Le­bens, die uns nur un­nö­tig Zeit kos­tet, weil sie sich am Ende doch nicht lohnt und ver­geb­lich ist. Gott als die Lie­be schlecht­hin ist der Ga­rant, dass un­se­re Sehn­sucht eine ver­läss­li­che Ant­wort findet.

MU­SIK: On the Na­tu­re of Day­light (Or­ches­tral Ver­si­on) – Max Richter

Eine zwei­te Sehn­sucht, die Men­schen er­füllt und Le­bens­ge­schich­ten an­treibt ist die Ge­rech­tig­keit. Es gibt die Sehn­sucht, dass das Gute sich lohnt und durch­setzt. Die Ge­rech­tig­keit soll siegen!
Wenn ein Dik­ta­tor sein Volk un­ge­hin­dert und fort­wäh­rend knech­tet, wenn ein Kind miss­braucht wird, wenn ein Un­schul­di­ger vor Ge­richt ver­ur­teilt wird, im­mer dann re­bel­liert et­was in uns. Es darf nicht sein, dass der Fol­te­rer im glei­chen Nichts ver­schwin­det wie sein Op­fer. Es muss eine In­stanz ge­ben, die grö­ßer ist als alle Ge­rich­te. Eine Ge­rech­tig­keit, die nicht käuf­lich ist und auch nicht mehr ver­tagt wer­den kann.

Als be­ein­dru­cken­des Bei­spiel für die­se Sehn­sucht steht für mich eine Epi­so­de aus der Le­bens­ge­schich­te der Ge­schwis­ter Scholl. Hans und So­phie Scholl wer­den nach der Ver­brei­tung von Flug­blät­tern ge­gen Hit­ler vom Na­zi­re­gime fest­ge­nom­men. Sie la­den in den Ver­hö­ren die ge­sam­te Ver­ant­wor­tung auf sich und be­to­nen, al­lein ge­han­delt zu ha­ben. Es kommt zum Pro­zess, der dem Ré­gime als will­kom­me­ne Büh­ne zur Macht­de­mons­tra­ti­on dient. Wäh­rend der Ver­hand­lung ent­ste­hen Tu­mul­te. In­fol­ge de­rer wird der Va­ter der bei­den des Ge­richts­saals ver­wie­sen. Da­bei ruft er dem Rich­ter noch die Wor­te ent­ge­gen: „Es gibt eine an­de­re Ge­rech­tig­keit als die­se.“³

MU­SIK: Sun­light – Max Rich­ter – Rich­ter: Exiles

Wenn die Welt nur ein bio­lo­gi­sches Pro­dukt des Zu­falls wäre, wäre die Sehn­sucht nach Ge­rech­tig­keit sinn­los. Aber ist das nicht merk­wür­dig? Schließ­lich ak­zep­tie­ren wir, dass ein Glas zer­springt, wenn es auf den Bo­den fällt, dass die Schwer­kraft den Ap­fel zu Bo­den und nicht hoch in die Luft fal­len lässt. So sind nun ein­mal die Ge­setz­mä­ßig­kei­ten der Na­tur. Aber wir neh­men nicht hin, dass Un­recht Recht be­hält. War­um ei­gent­lich? Wenn al­les nur Zu­fall oder bio­lo­gi­sche Ge­setz­mä­ßig­keit ist, müss­te uns das im Grun­de egal sein. Wer stark ist, setzt sich durch, so ist das nun mal. Doch so emp­fin­den wir nicht.
Wenn es kei­nen Maß­stab für Ge­rech­tig­keit gäbe, der über die all­täg­li­chen und in­ner­welt­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten hin­aus­gin­ge, dann wäre un­ser Un­be­ha­gen nichts wei­ter als ein evo­lu­tio­nä­res Rau­schen. Doch ge­nau die­ses Auf­be­geh­ren zeigt, dass in uns et­was lebt, das grö­ßer ist als die Welt, die wir se­hen, mes­sen und er­fas­sen können.

Es gibt of­fe­ne Rech­nun­gen, die schul­di­ge Tat und das un­schul­di­ge Lei­den – blei­ben sie für alle Ewig­keit ze­men­tiert? Hat der­je­ni­ge, der sein Le­ben im Kampf für Frei­heit und Ge­rech­tig­keit ver­lo­ren hat, zu­min­dest für sich selbst die ein­deu­tig fal­sche Op­ti­on gewählt?
Der christ­li­che Glau­be be­haup­tet mit sei­ner Fro­hen Bot­schaft: die Sehn­sucht des Men­schen nach ei­ner letz­ten und end­gül­ti­gen Ge­rech­tig­keit bleibt kei­ne lee­re Hoff­nung, weil wir ei­nem Gott ver­trau­en dür­fen, der die­se Sehn­sucht in uns hin­ein­ge­legt hat und der sie des­halb er­fül­len wird. Es wird ein­mal so sein.
Dies ist eine Froh­bot­schaft ins­be­son­de­re für alle Be­nach­tei­lig­ten und An-den-Rand-Ge­dräng­ten, aber auch für jene, die sich für eine ge­rech­te­re Welt ein­set­zen und so oft auf ver­lo­re­nem Pos­ten kämp­fen. Es ist aber nicht zu­letzt auch für die­je­ni­gen eine Froh­bot­schaft, die im Ein­satz für das Rich­ti­ge ihr Le­ben ver­lo­ren haben.

MU­SIK: Walk (Pha­e­leh Mix) – Lu­do­vico Einaudi

Im christ­li­chen Glau­bens­be­kennt­nis heißt es: Ich glau­be an die Auf­er­ste­hung der To­ten und an das ewi­ge Le­ben. Da­bei geht es ge­nau­er be­trach­tet nicht um die Un­sterb­lich­keit der See­le, son­dern um die so ge­nann­te Auf­er­ste­hung des Flei­sches. Die­se Be­zeich­nung will dar­an er­in­nern, dass un­ser Le­ben ohne Kör­per nicht denk­bar ist. Jede Be­zie­hung, jede Er­kennt­nis, jede Freu­de und je­der Schmerz sind leib­lich ver­mit­telt. Ohne Be­rüh­rung, ohne die kör­per­li­che Um­ar­mung bleibt Lie­be nur ein schö­nes Wort. Aber sie hat kei­ne Sub­stanz. Wir er­fah­ren die Welt nicht trotz un­se­res Kör­pers, son­dern durch ihn. Ohne Kör­per gibt es kei­ne Nähe, kei­nen Trost, kei­ne Freund­schaft, kei­ne Geschichte.
Nur weil ich die­sen Leib habe, kann ich mich in eine Ach­ter­bahn set­zen oder mit Freun­den an ei­nen wun­der­bar ge­deck­ten Tisch und die­se Mo­men­te er­fah­ren und durch­le­ben. Und wenn die Fä­hig­kei­ten mei­nes Kör­pers ein­ge­schränkt sind, wenn er krank wird oder al­tert, dann ist das nicht nur ein tech­ni­scher De­fekt. Es prägt mei­ne Bio­gra­fie, es ver­än­dert mei­ne Er­fah­rung die­ser Welt, mei­ne Lebensgeschichte.
Das, was uns aus­macht, ist ge­bun­den an die­se kon­kre­te Exis­tenz, die sicht­ba­re und ver­letz­li­che. Un­ser Leib ist nicht Bei­werk – er ist der Ort un­se­rer Ge­schich­te. Das Chris­ten­tum hat eine ge­ra­de­zu re­vo­lu­tio­nä­re Hoch­ach­tung vor dem mensch­li­chen Kör­per. Der Leib ist kein Ge­fäng­nis der See­le, er ist, wie die Bi­bel schreibt, ein Tempel.
Wenn der christ­li­che Glau­be also von der „Auf­er­ste­hung des Flei­sches“ spricht, dann meint er: Nichts von dem, was wir leib­lich ge­lebt, ge­liebt und er­lit­ten ha­ben, geht ver­lo­ren. Die kon­kre­ten, ir­di­schen Er­fah­run­gen be­kom­men ein Zu­hau­se. Gott be­wahrt nicht ei­nen abs­trak­ten Kern, son­dern das ge­leb­te Le­ben selbst – mit sei­ner Last, sei­ner Schön­heit, sei­nen Nar­ben. Der Theo­lo­ge Wil­helm Breu­ning fin­det da­für wun­der­ba­re Worte:

„Gott liebt mehr als die Mo­le­kü­le, die sich im Au­gen­blick des To­des im Leib be­fin­den. Er liebt ei­nen Leib, der ge­zeich­net ist von der gan­zen Müh­sal, aber auch der rast­lo­sen Sehn­sucht ei­ner Pil­ger­schaft. Er liebt ei­nen Leib, der im Lauf die­ser Pil­ger­schaft vie­le Spu­ren in ei­ner Welt hin­ter­las­sen hat, die durch die­se Spu­ren mensch­li­cher ge­wor­den ist (…)
Auf­er­we­ckung des Lei­bes heißt, dass von all dem Gott nichts ver­lo­ren ge­gan­gen ist, weil er den Men­schen liebt. Alle Trä­nen hat er ge­sam­melt, und kein Lä­cheln ist ihm weg­ge­huscht. Auf­er­we­ckung des Lei­bes heißt, dass der Mensch bei Gott nicht nur sei­nen letz­ten Au­gen­blick wie­der­fin­det, son­dern sei­ne gan­ze Ge­schich­te.“

MU­SIK: Am Abend – Sven Hel­big – Po­cket Symphonies

Wem zum Le­ben nur das Dies­seits zur Ver­fü­gung steht, der lebt zwangs­läu­fig un­ter Druck. Dann muss al­les in die­sem Le­ben pas­sie­ren: alle Pro­jek­te, alle Träu­me, alle Er­fül­lung. Ge­lingt das nicht, fühlt sich das Le­ben wie Schei­tern an. Kein Wun­der, wenn das zu Er­schöp­fungs- und Frus­tra­ti­ons­zu­stän­den führt.
Wenn da­ge­gen die Hoff­nung auf Auf­er­ste­hung mein Le­ben prägt, än­dert sich al­les. Die­ses neue Le­bens­kon­zept ver­kün­det Je­sus im Rah­men sei­ner so­ge­nann­ten Bergpredigt:

Se­lig die Sanft­mü­ti­gen; / denn sie wer­den das Land erben.
Se­lig, die hun­gern und dürs­ten nach der Ge­rech­tig­keit; / denn sie wer­den ge­sät­tigt werden.
Se­lig die Barm­her­zi­gen; / denn sie wer­den Er­bar­men finden.
Se­lig, die Frie­den stif­ten; / denn sie wer­den Kin­der Got­tes ge­nannt werden.
Se­lig, die ver­folgt wer­den um der Ge­rech­tig­keit wil­len; / denn ih­nen ge­hört das Himmelreich.

Freut euch und ju­belt: Denn euer Lohn wird groß sein im Him­mel.

Die Berg­pre­digt Jesu klingt in den Oh­ren ei­nes rein dies­sei­tig ori­en­tier­ten Men­schen wie blan­ker Hohn. Schließ­lich reicht ein Blick auf die welt­po­li­ti­sche Lage, um zu er­ken­nen: Wer sanft­mü­tig ist und sich nicht wehrt, der wird kein Land er­ben, nein es wird ihm weg­ge­nom­men. So sieht die Rea­li­tät aus.
Aber Je­sus spricht von ei­ner an­de­ren Rea­li­tät, ei­ner die erst noch kom­men wird und das mit Si­cher­heit. Das ist kei­ne Jen­seits­ver­trös­tung, son­dern eine Er­mu­ti­gung zu ei­nem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Lebensstil.
Der Glau­be an die Auf­er­ste­hung sagt: Du musst nicht al­les in die­ses Le­ben pres­sen, weil es nicht dein ein­zi­ges ist. Zu­gleich mo­ti­viert er: Du darfst dich trotz al­ler Rück­schlä­ge ein­set­zen, weil nichts von dem, was du tust, spur­los verschwindet.
Wer aus die­ser Per­spek­ti­ve lebt, kann an­ders den­ken und han­deln. Ich kann für den Er­halt un­se­rer Le­bens­grund­la­gen kämp­fen, ohne beim ers­ten Rück­schlag die Hoff­nung zu ver­lie­ren. Ich kann Ge­flüch­te­te nicht nur als Pro­blem, son­dern als Men­schen mit un­zer­stör­ba­rer Wür­de se­hen, weil ich weiß: Je­der von ih­nen ist eine ewi­ge Ge­schich­te in Got­tes Hand. Ich kann sanft­mü­tig sein in ei­ner Welt der El­len­bo­gen, weil ich weiß, dass die Macht­ver­hält­nis­se die­ser Welt nicht das letz­te Wort sind. Ich kann mich en­ga­gie­ren – po­li­tisch, so­zi­al, öko­lo­gisch –, ohne im Zy­nis­mus zu ver­sin­ken. Die­se Hoff­nung macht frei von der Angst, im Le­ben zu kurz zu kom­men. Der Glau­be an die Auf­er­ste­hung ist so­mit eine ra­di­ka­le Form des Realismus.

Ich muss da­bei an Ma­xi­mi­li­an Kol­be den­ken: Weil er 2300 Ju­den und wei­te­ren pol­ni­schen und ukrai­ni­schen Flücht­lin­gen Zu­flucht ge­währt hat­te, kam er 1941 ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz. Als dort zu ei­ner Straf­maß­nah­me Män­ner zur Er­mor­dung aus­ge­sucht wur­den, bat Pa­ter Kol­be die Auf­se­her dar­um, den Platz ei­nes aus­ge­such­ten Fa­mi­li­en­va­ters ein­neh­men zu dür­fen. Für ihn ging Ma­xi­mi­li­an Kol­be schließ­lich in den be­rüch­tig­ten „Hun­ger­bun­ker“, um dort zu ster­ben. Als er nach ei­ni­gen Ta­gen noch nicht ver­hun­gert war, wur­de er durch eine In­jek­ti­on um­ge­bracht und im Kre­ma­to­ri­um ver­brannt. Der Mann, an des­sen Stel­le er ge­tre­ten war, über­leb­te das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und starb 1995.
Papst Jo­han­nes Paul II. in­ter­pre­tier­te die Tat Kol­bes ein­mal so:

In die­sem aus mensch­li­cher Sicht schreck­li­chen Tod lag die gan­ze end­gül­ti­ge Grö­ße der mensch­li­chen Tat und der mensch­li­chen Ent­schei­dung: Er op­fer­te sich aus Lie­be dem Tod.
Und in die­sem mensch­li­chen Tod lag das kla­re Zeug­nis (…) für die Wür­de des Men­schen, für die Hei­lig­keit sei­nes Lebens (…).
Ge­nau aus die­sem Grund wur­de der Tod von Ma­xi­mi­li­an Kol­be zu ei­nem Zei­chen des Sie­ges. Es war ein Sieg über das ge­sam­te Sys­tem der Ver­ach­tung und des Has­ses ge­gen­über dem Men­schen (…) ein Sieg ähn­lich dem, den un­ser Herr Je­sus Chris­tus auf Gol­ga­tha er­run­gen hat.

Am Ende geht es um eine Ent­schei­dung im Sin­ne ei­nes Ver­trau­ens­vor­schus­ses: Hal­te ich an der Vor­stel­lung fest, dass al­les nur ver­gäng­lich und da­mit end­lich ist? Oder traue ich der Hoff­nung? Die Auf­er­ste­hung ist kei­ne Ant­wort, die sich be­wei­sen lässt. Aber sie ist eine Ant­wort, die das Bes­te in uns ernst nimmt: un­se­re Sehn­sucht nach Sinn, un­se­re Em­pö­rung über Un­recht, un­se­ren Durst nach Lie­be und un­se­re Hoff­nung auf eine Le­bens­ge­schich­te, die bleibt. Der Glau­be an die Auf­er­ste­hung ist die kühns­te, tröst­lichs­te und zu­gleich rea­lis­tischs­te Hoff­nung, die die­se ver­letz­te Welt ha­ben kann.

MU­SIK: Zorn – Sven Hel­big – Po­cket Symphonies


¹ „Un­in­ter­es­san­te Men­schen gibt es nicht“, in: Jew­ge­ni Jew­tu­schen­ko, Poe­sie­al­bum 69, Ver­lag Neu­es Le­ben, Ber­lin 1973, S. 32f. Über­tra­gen von Vol­ker Braun.

² Ho­hes­lied 8,6ff.

³ https://www.spiegel.de/geschichte/hinrichtung-von-hans-und-sophie-scholl-erzogen-zum-widerstand-a-951049.html

Le­se­buch zum Ka­tho­li­schen Er­wach­se­nen­ka­te­chis­mus, Al­fred Läpp­le (Hrsg.), Patt­loch Ver­lag,Mün­chen 1989, S.586.

Mat­thä­us 5, 5–7.9f.12a.

https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/it/homilies/1982/documents/hf_jp-ii_hom_19821010_canonizzazione-kolbe.html