Schluss mit dem Versteckspiel

Schluss mit dem Versteckspiel

Ken­nen Sie die­se Mo­men­te, in de­nen man ein­fach nur sei­ne Ruhe ha­ben will? Nicht, weil man so ent­spannt ist, son­dern weil man die Bli­cke der an­de­ren nicht er­trägt. Man wählt den Su­per­markt am an­de­ren Ende der Stadt oder geht ge­nau dann vor die Tür, wenn alle an­de­ren beim Mit­tag­essen sit­zen. Man will un­sicht­bar sein, weil das ei­ge­ne Le­ben ge­ra­de al­les an­de­re als vor­zeig­bar ist und sich eher wie ‚Sychar‘ an­fühlt. Das ist der Name des Or­tes, an dem die heu­ti­ge bi­bli­sche Epi­so­de spielt und der über­setzt „ver­stopft“ oder „ab­ge­schnit­ten“ bedeutet.

So geht eine Frau in der sen­gen­den Mit­tags­hit­ze zum Brun­nen. Nie­mand, der bei Ver­stand ist, schleppt um 12 Uhr mit­tags schwe­re Was­ser­krü­ge durch die Wüs­te. Es sei denn, die Last der Ver­gan­gen­heit, zer­bro­che­ner Be­zie­hun­gen und das Ur­teil der an­de­ren wiegt noch schwe­rer. Die­se Frau ist eine Aus­ge­sto­ße­ne. Fünf ge­schei­ter­te Ehen lie­gen hin­ter ihr und die sechs­te Be­zie­hung ist auch nur ein Pro­vi­so­ri­um. In der Zah­len­sym­bo­lik der Bi­bel ist die Sechs die Zahl des Un­voll­kom­me­nen, des Frag­men­ta­ri­schen. Ihr Le­ben ist eine Baustelle.

Und ge­nau dort, am Tief­punkt ih­res Le­bens, war­tet je­mand. Je­sus sitzt dort, er­schöpft und stau­big. Er be­geg­net ihr nicht von oben her­ab, son­dern auf Au­gen­hö­he, als je­mand, der Durst und Mü­dig­keit aus ei­ge­ner Er­fah­rung kennt. Er durch­bricht alle Mau­ern: die der Scham, der Re­li­gi­on und der ge­sell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen. Er spricht als Jude mit ei­ner Sa­ma­ri­te­rin, als Mann mit ei­ner frem­den Frau, als Hei­li­ger mit ei­ner Sün­de­rin. Er fragt nicht nach Mo­ral, son­dern nach ih­rem Lebensdurst.

Wir sind ver­sucht, un­se­ren in­ne­ren Durst mit „Si­cker­was­ser“ zu stil­len: mit Kon­sum, An­er­ken­nung oder der Hoff­nung, dass der nächs­te Part­ner, der nächs­te Job oder das nächs­te Pro­jekt uns end­lich ganz macht. Doch das ist wie Salz­was­ser trin­ken: Der Durst kommt schlim­mer zurück.

Je­sus nennt das, was er dem­ge­gen­über an­bie­tet, „le­ben­di­ges Was­ser“. Doch be­vor es be­lebt, wird es un­ge­müt­lich. Je­sus legt den Fin­ger in die Wun­de. „Hol dei­nen Mann“, sagt er. Autsch. Das ist der Mo­ment, an dem ein sol­ches Ge­spräch auch ab­rupt en­den könn­te. Wenn Gott uns zu nahe kommt, wenn es um un­se­re Schwach­stel­len geht, wol­len wir all­zu ger­ne flüch­ten. Hei­lung be­ginnt dort, wo wir auf­hö­ren zu flüch­ten und an­fan­gen, un­se­re Wahr­heit vor Gott aus­zu­spre­chen. Wahr­heit macht nicht nur Angst, Wahr­heit macht frei. Denn das Wun­der­ba­re ist: Je­sus spie­gelt ihr Le­ben nicht, um sie zu ver­ur­tei­len, son­dern um sie frei­zu­set­zen. Er sieht die Ab­grün­dig­keit ih­res Le­bens und springt nicht weg. Er stellt sich da­ne­ben und die Frau er­kennt: Ich bin nicht al­lein in mei­nem Schla­mas­sel. Da ist je­mand, der mich kennt – und mich trotz­dem will. Das ist der Wen­de­punkt. Un­se­re Brü­che, un­se­re „Sech­ser“ – das Un­voll­kom­me­ne im Le­ben – sind kei­ne Hin­der­nis­se für Gott, son­dern der Ort der Begegnung.