Pacht heißt nicht Eigentum

Pacht heißt nicht Eigentum

Der to­ta­le Be­sitz­an­spruch auf das Le­ben kann sich schnell zu ei­ner tra­gi­schen Le­bens­lü­ge ent­wi­ckeln. Wir be­han­deln un­se­re Ge­sund­heit, un­se­ren Wohl­stand und un­se­re Zeit so, als wä­ren wir de­ren Ei­gen­tü­mer. Da­mit ver­drän­gen wir aber eine grund­le­gends­te Rea­li­tät un­se­rer Exis­tenz, dass wir das We­sent­li­che im Le­ben – von der Ge­burt bis zum letz­ten Atem­zug – nie­mals her­stel­len oder be­sit­zen kön­nen, son­dern im­mer nur empfangen.

Ge­nau dar­an er­in­nert das Evan­ge­li­um. Ein Guts­herr schafft op­ti­ma­le Be­din­gun­gen. Er in­ves­tiert Ver­trau­en, Ka­pi­tal, Schutz und Zu­kunft. Dann ver­pach­tet er die­sen Wein­berg an Win­zer und reist in ein an­de­res Land. Eine Pacht ist kei­ne Schen­kung. Ein Päch­ter ist kein Ei­gen­tü­mer. Er ist ein Ver­wal­ter, ein Treu­hän­der. Ihm wird ein Wein­berg an­ver­traut, da­mit er ihn be­baut, pflegt und zur Frucht bringt. Und am Ende der Sai­son steht eine ganz schlich­te, ver­trag­li­che Rea­li­tät: Die Ab­ga­be von Früchten.

Man muss sich die Ab­sur­di­tät des be­schrie­be­nen Mo­ments ver­ge­gen­wär­ti­gen. Da sit­zen Men­schen auf frem­dem Grund und Bo­den. Sie durf­ten dort ar­bei­ten und von den Früch­ten le­ben. Und in dem Mo­ment, in dem die Wirk­lich­keit an­klopft und Re­chen­schaft ein­for­dert, dre­hen sie durch. Sie er­mor­den den Er­ben in der wahn­haf­ten Il­lu­si­on, dass ih­nen al­les ge­hört, wenn sie ihn nur aus dem Weg räumen.

Ähn­lich ver­ges­sen wir, dass wir nichts von dem, was wir ha­ben, ei­gent­lich be­sit­zen. Un­ser Le­ben, die Schöp­fung, der ge­sell­schaft­li­che Frie­de, die Frei­heit, in der wir le­ben: All das ist Pacht­land, nicht Be­sitz. Wenn dann je­mand Re­chen­schaft for­dert – die ei­ge­ne Er­schöp­fung, das Ge­wis­sen oder der Part­ner, der die Ge­reizt­heit nicht mehr er­trägt –, re­agie­ren wir wie die Win­zer im heu­ti­gen Evan­ge­li­um. Wir ge­hen zum Ge­gen­an­griff über. Wir schla­gen den Bo­ten tot, ver­bei­ßen uns in Recht­ha­be­rei und er­fin­den Ausreden.

Wir wol­len alle Pri­vi­le­gi­en des Wein­bergs, aber wei­gern uns, die ge­schul­de­ten Früch­te ab­zu­lie­fern. Das Evan­ge­li­um schlägt drei ganz ein­fa­che, prak­ti­sche Schrit­te vor:

  1. Er­nüch­te­rung: Be­grei­fe, dass dir nichts da­von ge­hört. Al­les ist dir auf Zeit an­ver­traut. Al­les ist Gabe, und al­les ver­langt nach Frucht.
  2. Schuld­fä­hig­keit: Hör auf, schlech­tes Ver­hal­ten weg­zu­dis­ku­tie­ren. Sag ein­fach: „Ich war im Un­recht.“ Ech­te Um­kehr ist et­was Befreiendes.
  3. Kon­kre­te Früch­te: Bring Ge­duld an den Früh­stücks­tisch, Ehr­lich­keit ins Büro und Ver­ge­bung in die Part­ner­schaft. Kei­ne gro­ßen Re­den – hand­fes­te Taten.

Am Ende wird ab­ge­rech­net und zwar ganz schlicht mit der Fra­ge: Was hast du aus dem ge­macht, was dir an­ver­traut war? In wel­chem Le­bens­be­reich spielst du noch den Ei­gen­tü­mer – und wo wird es Zeit, wie­der ech­ter Ver­wal­ter zu werden?