Die ver­lo­re­nen Söhne

Die ver­lo­re­nen Söhne

Wenn wir den Va­ter im Gleich­nis beim Wort neh­men, wird deut­lich, wie sehr sich bei­de Söh­ne in ih­rem Ur­teil über ihn ge­irrt ha­ben. Sie be­trach­te­ten ihn als gei­zig und des­po­tisch, ob­wohl er stets groß­zü­gig und frei­mü­tig war. Und weil die Söh­ne ih­ren Va­ter so gründ­lich miss­ver­stan­den, wur­den sie auch ein­an­der zu Rivalen.

Der Va­ter lässt den jün­ge­ren Bru­der ge­hen, ohne dass ein fal­scher Un­ter­ton mit­schwingt. Er zeigt von Be­ginn an Groß­her­zig­keit: kei­ne mo­ra­li­schen Be­leh­run­gen, letz­te Wor­te oder gro­ße Ges­ten. Der Sohn hat die Er­laub­nis zu gehen.

Und als er wie­der zu­rück­kehrt, gibt es kei­ne Be­mer­kung wie „habe ich es dir nicht ge­sagt“; son­dern der Va­ter zieht ihm Schu­he an, da­mit der Sohn so­fort sei­nen ei­ge­nen Weg wei­ter­ge­hen kann. Die­ser Va­ter möch­te sei­nem Sohn im­mer wie­der Frei­heit schenken.

Und der an­de­re Bru­der? Er stell­te sich vor, wel­che Er­leb­nis­se der Drauf­gän­ger und Re­bell ge­habt ha­ben könn­te und was ihm der­weil zu Hau­se ent­gan­gen ist. Er emp­fin­det Neid. Er hat­te un­ter­des­sen aus Angst vor sei­nem Va­ter alle per­sön­li­chen Wün­sche, Träu­me und Vor­stel­lun­gen ei­nes er­fül­len­den Le­bens zu­rück­ge­hal­ten. Es scheint, als hät­te er sich in dem im­mer zwang­haf­ter wer­den­den Ver­such ver­lo­ren, die Zu­stim­mung sei­nes Va­ters nicht zu ver­lie­ren. Hin­ter der Fas­sa­de des wohl­erzo­ge­nen Soh­nes ver­ber­gen sich Ent­täu­schung und Frustration.

Der Va­ter ver­sucht, sei­nen äl­te­ren Sohn zu überzeugen:

„Mein Kind, du bist im­mer bei mir, und al­les, was mein ist, ist auch dein.“

Da­hin­ter steht beim Va­ter die un­aus­ge­spro­che­ne Frage:

„War­um in al­ler Welt hast du bloß nie et­was ge­sagt? Du bist Mit­be­sit­zer von al­lem, was ich habe. Du darfst dich – ohne un­ter­wür­fig zu fra­gen – frei und ver­ant­wort­lich be­die­nen. Sei als Sohn nicht mein Knecht, son­dern mein gleich­be­rech­tig­ter und ver­ant­wor­tungs­vol­ler Partner.“

Solch eine Va­ter­lie­be er­freut die Ver­lo­re­nen, die es ei­gent­lich nicht ver­dient ha­ben und ver­är­gert die Da­heim­ge­blie­be­nen, die sich al­les auf­grund ih­rer Leis­tung ver­die­nen und er­ar­bei­ten wol­len. Solch eine Lie­be un­ter­läuft die üb­li­chen Stan­dards und kann eine Zu­mu­tung sein.

Der Va­ter geht auf bei­de Söh­ne glei­cher­ma­ßen zu. Er nimmt bei­de mit ih­ren An­lie­gen ernst. Sie sind und blei­ben bei­de sei­ne Söh­ne. Der Knack­punkt des Gleich­nis­ses von den ver­lo­re­nen Söh­nen ist für mich der, dass bei­de nicht mit ih­rem Va­ter ge­re­det ha­ben – zu­min­dest nicht über das, was sie wirk­lich bewegte.

Rede also mit Gott über dei­ne Wün­sche und Vor­stel­lun­gen und fra­ge ihn da­nach, wie er es sieht? Wenn ich Gott in mei­ne Ge­dan­ken und Über­le­gun­gen ein­be­zie­he, dann gebe ich Gott – und mir selbst – alle Mög­lich­kei­ten, dass er re­agie­ren kann – dass er mir Ge­dan­ken in Kopf und Herz ge­ben kann, die wei­ter­hel­fen. Er kann mir Gren­zen zei­gen, die für mich per­sön­lich gel­ten und wich­tig sind, und Per­spek­ti­ven ge­ben, die ich mir selbst kaum ge­gönnt hät­te. In Psalm 37,4 heißt es:

Habe dei­ne Lust am HERRN! So wird er dir ge­ben, was dein Herz begehrt.