Der Sturm be­stimmt nicht die Richtung

Der Sturm be­stimmt nicht die Richtung

Wer Angst hat, will es ein­fach ha­ben: Ei­nen Schul­di­gen, eine schnel­le Lö­sung, eine star­ke Per­sön­lich­keit, die end­lich durch­greift. Angst macht den Blick eng. Sie ver­wan­delt kom­pli­zier­te Wirk­lich­keit in Pa­ro­len und Nach­barn in Verdächtige.

Das Evan­ge­li­um vom Sturm auf dem See be­ginnt er­staun­lich mo­dern. Die Jün­ger sit­zen nicht ge­müt­lich im Boot und phi­lo­so­phie­ren über Ver­trau­en. Sie kämp­fen ge­gen Wind und Wel­len. Wenn sie Angst ha­ben, ist das kein hys­te­ri­scher An­fall, son­dern eine rea­lis­ti­sche Dia­gno­se: Un­se­re Kraft reicht ge­ra­de nicht.

Krieg, Ge­walt, wirt­schaft­li­che Un­si­cher­heit, eine De­mo­kra­tie, die sich im Dau­er­streit er­schöpft und das Kli­ma als Hin­ter­grund­rau­schen der Sor­ge. Dazu die pri­va­ten Wel­len: eine Dia­gno­se, die Tren­nung, das Kind, das nicht mehr er­reich­bar scheint, die Rech­nung, die man zu lan­ge un­ge­öff­net lie­gen ließ. Es ist nicht er­staun­lich, dass vie­le Men­schen er­schöpft sind. Er­staun­lich ist eher, wie lan­ge wir so tun, als sei al­les un­ter Kontrolle.

In die­se Lage hin­ein kommt Je­sus. Nicht mit ei­nem Ret­tungs­plan, nicht mit dem Ver­spre­chen, es wer­de schon al­les gut. Sein ers­ter Satz lautet:

„Ich bin es. Fürch­tet euch nicht.“

Das ist kein Be­fehl, sich zu­sam­men­zu­rei­ßen. Es ist eine Ge­gen­warts­er­klä­rung: Ihr seid im Sturm nicht allein.

Pe­trus steigt aus dem Boot. Das ist mu­tig. So­lan­ge sein Blick auf Je­sus ge­rich­tet bleibt, geht es. Als er nur noch Wind und Wel­len wahr­nimmt, be­ginnt er zu sin­ken. Auch das ist ein ver­trau­ter Me­cha­nis­mus: Wer jede Kri­se rund um die Uhr kon­su­miert, be­kommt den Ein­druck, sie sei die gan­ze Wirk­lich­keit. Sie ist es nicht. Es gibt auch Men­schen, die pfle­gen, trös­ten, ver­mit­teln, sich ein­mi­schen und nicht weg­se­hen. Nur sind sie sel­ten so schrill wie die Empörung.

Christ­li­cher Glau­be for­dert kei­ne Ver­drän­gung. Er ver­langt nüch­ter­nen Mut. Un­recht muss beim Na­men ge­nannt wer­den: An­ti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus, Ver­ach­tung von Ar­men und Ver­folg­ten. De­mo­kra­tie darf nicht de­nen über­las­sen wer­den, die mit Angst Ge­schäf­te ma­chen. Gren­zen dür­fen dis­ku­tiert, Kon­flik­te aus­ge­tra­gen und Re­geln durch­ge­setzt wer­den. Aber wer an­de­re zum blo­ßen Si­cher­heits­ri­si­ko oder po­li­ti­schen Ma­te­ri­al er­klärt, hat den Bo­den der Mensch­lich­keit verlassen.

Was hilft, wenn der ei­ge­ne Bo­den schwankt? Nicht zu­erst der gro­ße Plan. Hil­fe an­neh­men. Eine Freun­din an­ru­fen, statt noch eine Stun­de durch Nach­rich­ten zu scrol­len. Zur Be­ra­tung oder in die Seel­sor­ge ge­hen, be­vor aus Sor­ge Ver­zweif­lung wird. Ei­nen kon­kre­ten Dienst tun, statt sich an der Ohn­macht zu be­rau­schen: zu­hö­ren, be­glei­ten, spen­den, wi­der­spre­chen, wäh­len. Hoff­nung wird be­last­bar, wenn sie Pra­xis und Ter­mi­ne bekommt.

Pe­trus wird nicht ge­ret­tet, weil sein Glau­be be­son­ders sta­bil wäre. Er wird ge­ret­tet, weil er da­nach schreit. Das ist der rea­lis­ti­sche Kern des Glau­bens: Ich muss mich nicht selbst aus je­der Not her­aus­zie­hen. Un­ter­stüt­zung ist kei­ne Nie­der­la­ge, son­dern der An­fang von Handlungsfähigkeit.

Das ver­än­dert nicht so­fort die Welt­la­ge. Aber es ver­än­dert die Art, wie wir in ihr ste­hen: we­ni­ger ge­trie­ben, we­ni­ger zy­nisch, we­ni­ger gleich­gül­tig. Christ­li­che Hoff­nung ist kein Op­ti­mis­mus auf Ver­dacht. Sie ist die Ent­schei­dung, den nächs­ten gu­ten Schritt zu ge­hen – ge­tra­gen von der Er­fah­rung: Ich gehe ihn nicht allein.