Be­harr­li­che Menschlichkeit

Be­harr­li­che Menschlichkeit

Es gibt Men­schen, die in vie­len De­bat­ten vor al­lem als Fall er­schei­nen: als Zahl, Akte, Kos­ten­fak­tor oder Si­cher­heits­fra­ge. Man spricht über sie, sel­ten mit ih­nen. Ge­flüch­te­te etwa. Al­lein­er­zie­hen­de, die beim Amt zum drit­ten Mal die­sel­be Be­schei­ni­gung vor­le­gen sol­len. Pfle­ge­be­dürf­ti­ge. Men­schen ohne per­fek­te Sprach­kennt­nis­se. Wer nicht in die ge­wohn­ten Ras­ter passt, muss oft erst be­wei­sen, dass er über­haupt ge­hört wer­den darf.

Das Evan­ge­li­um ist an die­sem Sonn­tag un­er­quick­lich, ge­ra­de des­halb ist es ehr­lich. Eine ka­naa­näi­sche Frau bit­tet Je­sus um Hil­fe für ihre kran­ke Toch­ter. Sie ge­hört nicht zu sei­nem Volk, nicht zu sei­nem re­li­giö­sen Mi­lieu, nicht in den Kreis de­rer, für die er zu­nächst zu­stän­dig zu sein scheint. Die Jün­ger wol­len die Frau los­wer­den. Ihr Wunsch ist be­mer­kens­wert aktuell:

„Schick sie weg.“

Sie stört. Sie ist laut. Sie hält den Be­trieb auf.

Man kennt die­se Hal­tung. Sie klingt heu­te höflicher:

„Da­für sind wir nicht zuständig.“

„Das Ver­fah­ren lässt es nicht zu.“

„Man kann ja nicht al­len helfen.“

Re­geln und Res­sour­cen sind kei­ne Ne­ben­sa­che. Aber Ver­wal­tungs­spra­che wird un­mensch­lich, wenn sie aus ei­ner Per­son nur noch ei­nen Vor­gang macht. Dann schützt sie nicht Ord­nung, son­dern die ei­ge­ne Bequemlichkeit.

Noch ir­ri­tie­ren­der: Je­sus selbst re­agiert zu­nächst ab­wei­send. Die Bi­bel spart die­se Zu­mu­tung nicht aus. Der Mann, den Chris­ten als Ret­ter be­ken­nen, lässt sich von ei­ner Frau aus der Frem­de un­ter­bre­chen, her­aus­for­dern und um­stim­men. Das ist kei­ne Schwä­che. Es ist Grö­ße. Wer nie­mals kor­ri­gier­bar ist, mag mäch­tig wir­ken, ist aber nicht stark. Er ist nur ge­fan­gen in sei­ner ge­dank­li­chen Enge.

Die Frau lässt sich nicht be­schä­men. Sie kämpft nicht für ein abs­trak­tes Pro­gramm, son­dern für ihr Kind. Ihre Ant­wort ist klug, hart­nä­ckig und wür­de­voll. Sie for­dert kein Son­der­recht, son­dern ei­nen Platz an der ge­mein­sa­men Mensch­lich­keit. Je­sus er­kennt die­sen Glau­ben an und hilft.

Wür­de ist kein Pri­vi­leg de­rer, die schon da­zu­ge­hö­ren. Sie be­ginnt dort, wo wir den Men­schen vor uns nicht auf Her­kunft, Nut­zen oder Zu­mut­bar­keit re­du­zie­ren. Das gilt an Eu­ro­pas Gren­zen eben­so wie im War­te­zim­mer, im Job­cen­ter, in der Schu­le und am Fa­mi­li­en­tisch. Wer Schutz braucht, darf nicht zu­erst be­wei­sen müs­sen, sym­pa­thisch, dank­bar und un­kom­pli­ziert zu sein. Für Chris­ten hat die­se Wirk­lich­keit ei­nen Na­men: Je­der Mensch ist Eben­bild Got­tes. Das ist ein un­künd­ba­rer Sta­tus. Er hängt we­der am Pass noch an Leis­tung, Bil­dung, Ge­sund­heits­zu­stand, Al­ter oder dar­an, ob je­mand uns ge­nehm ist.

Die christ­li­che Per­spek­ti­ve be­deu­tet we­der gren­zen­lo­se Nai­vi­tät noch kal­te Ab­schot­tung. Dar­um muss man über Mi­gra­ti­on, Si­cher­heit, knap­pe Woh­nun­gen und über­las­te­te So­zi­al­sys­te­me strei­ten – ehr­lich, sach­lich und ohne mo­ra­li­sche Selbst­über­hö­hung. Aber so­bald Men­schen nur noch als „Be­las­tung“, „Wel­le“ oder „Fäl­le“ vor­kom­men, ist der Kom­pass verrutscht.

Die ka­naa­näi­sche Frau ge­winnt nicht, weil sie sich klein­macht. Sie ge­winnt, weil sie sich nicht weg­schi­cken lässt. Viel­leicht braucht un­se­re müde Öf­fent­lich­keit ge­nau die­se Lek­ti­on: eine hu­ma­ne Ge­sell­schaft er­kennt man nicht dar­an, wie ma­kel­los ihre Re­geln klin­gen. Sie zeigt sich dort, wo wir auf­hö­ren, Men­schen wie Ak­ten zu ver­wal­ten und an­fan­gen, sie wie Eben­bil­der zu be­han­deln – un­an­tast­bar und unverfügbar.