Wir versprechen uns viel von unserer Freiheit. Wir dürfen alles sagen, alles kaufen, alles sein. Doch, ist das wirklich Freiheit oder nicht eher absichernder Komfort. Denn schaut man genauer hin, leben wir in einer Zeit, in der Unfreiheit nicht mehr durch Ketten kommt, sondern durch ein leises, schleichendes System aus Erwartungen und Ängsten. Und diesem System fällt unsere wahre Freiheit häufiger zum Opfer, als wir denken. Deshalb lohnt sich hier ein intensiverer Blick.
Echte Unfreiheit begegnet uns heute zuerst als Diktatur der Anpassung. Wir haben Angst vor dem sozialen Kältetod, vor dem Shitstorm, davor, „falsch“ zu liegen. Und deshalb sagen wir weniger, als wir denken, und wagen weniger, als wir könnten. Wir funktionieren als Echo der Mehrheitsmeinung, statt als Originale mit eigenem Gewissen. Das ist keine Freiheit, das ist Feigheit.
Wir sind unfrei durch eine Ökonomie der Aufmerksamkeit. Wir scrollen uns durch fremde Leben, lassen uns von Algorithmen füttern und von Dauerempörung treiben. Wir reagieren nur noch auf den nächsten Reiz, statt selbst Prioritäten zu setzen. Doch, wer nur noch reagiert, hat aufgehört, sein Leben zu gestalten. Er wird zum Passagier im eigenen Kopf.
Und dann ist da dieser subtile Optimierungsdruck. Wir behandeln uns selbst wie ein Projekt, das nie fertig wird. Wir müssen produktiver sein, fitter, schöner, wirksamer. Wir knüpfen unseren Wert an unseren Output. Aber wer nur noch funktioniert, um Benchmarks zu erfüllen, verliert seine Würde als Ebenbild Gottes. Er wird zum Rädchen in einer Maschine, die keine Gnade kennt.
Die gefährlichste Unfreiheit aber ist das Gefühl der Ohnmacht. Angesichts globaler Krisen und innerem Chaos ziehen wir uns ins Private zurück oder flüchten in den Zynismus. „Man kann ja eh nichts machen.“ Und genau in diesem Moment geben wir unsere Freiheit auf und machen uns zum Opfer der Umstände.
Unfreiheit heißt: Getrieben sein von Angst, Impuls und fremden Ansprüchen.
Corrie ten Boom würde uns vermutlich anschauen und sagen: Freiheit beginnt nicht, wenn die Umstände gut sind. Als die Nationalsozialisten in den Niederlanden Jüdinnen und Juden jagten, hat Corrie ten Boom ihr Haus geöffnet und hat Menschen versteckt. Sie hat sich entschieden und entsprechend gehandelt. Und genau da beginnt echte Freiheit.
Sie kam ins Gefängnis und schließlich ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo ihre Schwester starb. Wenn Freiheit nur äußere Unabhängigkeit wäre, dann war Corrie ten Boom dort vollkommen unfrei. Doch genau in der Situation zeigte sich eine andere, tiefere Freiheit. Sie ließ sich nicht bestimmen von Hass. Nicht von Angst. Nicht von dem System, das sie brechen wollte.
Sie überlebte und hat später einem ehemaligen KZ-Wächter die Hand gereicht. Nicht, weil es sich gut anfühlte. Sondern weil sie sich entschied, dass das Böse nicht das letzte Wort über ihr Herz haben darf.
Das ist eine tiefere Freiheit, die heißt: Ich bin nicht das Produkt der Umstände. Ich bin nicht das Echo dessen, was man mir antut.
Wenn wir heute über Freiheit sprechen, meinen wir meistens die maximale Auswahlmöglichkeit. Wir wollen uns alle Türen offenhalten, immer noch einen Ausweg für den Fall der Fälle haben. Doch diese Form der Freiheit macht uns paradoxerweise unfrei: Sie führt in eine lähmende Unverbindlichkeit, in der wir zwar alles sein könnten, aber letztlich nichts wirklich gestalten.
Für mich bedeutet Freiheit deshalb die Souveränität, zu einer Sache, einem Menschen oder einer Überzeugung „Ja“ zu sagen – und diese Entscheidung dann mit Leben zu füllen. Ich glaube, erst in dieser Verbindlichkeit und Verlässlichkeit entsteht die Tiefe und Echtheit, die unser Handeln wirksam macht.
Daraus leitet sich für mich auch der Kern meiner Identität ab: Wenn ich mich nur noch so verhalte, wie es Algorithmen, Karrierestufen oder das soziale Milieu von mir verlangen, bleibe ich hinter meinem eigentlichen Wert zurück.
Als „Ebenbild Gottes“ zu leben, heißt für mich: Ich besitze eine unverfügbare Würde, die nicht erst durch Leistung oder Anpassung verdient werden muss. Freiheit ist der Mut, meinen ganz persönlichen, echten Weg durch diese Welt zu gehen – auch wenn er sperrig ist oder den gängigen Narrativen widerspricht. Es geht darum, die eigene Spur zu ziehen, statt nur in den Fußstapfen anderer zu laufen. Das ist kein Ego-Trip, sondern die Antwort auf die Berufung, als Original und nicht als Kopie durch dieses Leben zu gehen.
Und vielleicht ist das die eigentliche Kampfansage an unsere Zeit: Freiheit beginnt nicht, wenn die Umstände passen. Freiheit beginnt, wenn wir uns entscheiden – und dem Guten mehr Macht geben als der Angst.