Früher oder später wird jeder Mensch mit existenziellen Fragestellungen konfrontiert: was für ein Mensch möchte ich sein? Wie finde ich Orientierung in einer chaotischen Welt? Welche der vielen Optionen in einer pluralistischen Gesellschaft ist die für mich stimmige? Wie finde ich den Sinn in einer Welt, die mir diesen nicht auf dem Silbertablett serviert?
In einer Untersuchung zeigte sich, dass Sinnkrisen zu 44 % durch ein kritisches Lebensereignisse ausgelöst werden, 36 % lassen sich auf eine Übergangsphase zurückführen. Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers nennt solche Momente ›Grenzsituationen‹: Wir werden aus unserem alltäglichen Erleben gerissen und die Konfrontation mit solchen Situationen passiert meist unfreiwillig. Menschen werden, wie es die Schweizer PsychoanalytikerinAlice Holzhey-Kunz ausdrückt zu »Philosophen wider Willen“. Denn unstrittig scheint, dass es für die psychische & seelische Gesundheit unabdingbar ist, seinem Sein im Hier und Jetzt einen Sinn zu geben. Es dient der eigenen Lebenszufriedenheit, jederzeit zu wissen, wozu man etwas tut, wohin man möchte, weshalb man etwas erreichen will.
Es gibt wohl vier existenzielle Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Gelingt diese Auseinandersetzung, bleiben wir gesund, misslingt sie, leiden wir darunter.
- Tod und Sterblichkeit: Todesfälle in der Familie, im Freundes– und Bekanntenkreis oder schwere, lebensbedrohliche Erkrankungen sind häufig der Auftakt für die Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen. Umgekehrt kann die Frage nach dem Sinn auch ihrerseits zur Auseinandersetzung mit Tod und Sterblichkeit führen: Wie kann etwas Sinn machen, wenn ich am Ende doch sterben muss und alles verliere? Auch triviale Anlässe wie runde Geburtstage vermögen uns mit der Begrenztheit unseres Daseins zu konfrontieren.
- Leid und Isolation: Vergnügen braucht für gewöhnlich keine Rechtfertigung durch einen höheren Zweck. Leiden hingegen führt häufig zu der Sinnfrage: wozu soll ich das ertragen? Wofür kann es sich lohnen, diesen Schmerz auszuhalten? Warum passiert ausgerechnet mir das?
- Identität: Wer bin ich eigentlich, was macht mich aus, was sind meine Ziele und Werte? Was kann für mich sinnvoll sein?
- Freiheit: Es gibt so viele Möglichkeiten, wie ich mein Leben gestalten kann – wie kann ich mich da entscheiden, woran orientieren? Was für eine Arbeit will ich aufnehmen? Und mit wem will ich zusammenleben?
Die großen und metaphysischen Ziele können auf folgende drei Aspekte hin geprüft werden:
- Erreichbarkeit: erforderlichen Energie – und Zeitaufwand überprüfen. Utopische (Wunsch–) Ziele werden entweder umformuliert oder gestrichen. So kann das unerreichbare moralische Ziel: ‚Ich will stets die Wahrheit sagen‘, umformuliert werden in: ‚Ich will niemanden bewusst anlügen.‘ das Ziel: ‚Ich will stets gerecht handeln, müsste hingegen gestrichen werden.‘
- Widerspruchsfreiheit: Falls Zielbereich oder Ziele miteinander in Konflikt geraten, kann das zu heftigen, emotionalen Turbulenzen führen. Eine Lösung: eine Zielhierarchie erstellen. Überzeugungen, Grundsätze und Werte werden gewichtet und in eine Rangfolge gebracht. Damit erhält man ein Kriterium, nach dem eine Entscheidung getroffen werden kann, welchem Glaubensgrundsatz oder Wert man den Vorzug gibt.
- Konsequenzen, die sie im Alltag verursachen: alles hat seinen Preis. Bis zu welchem Preis bin ich bereit, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen? Welche sozialen oder sonstigen Einschränkungen bin ich bereit zu ertragen?
Sinn ist nichts, das man findet wie einen verlorenen Schlüssel. Sinn wächst, wenn wir leben. Viktor Frankl, der Begründer der Sinntherapie, sagte:
„Der Mensch fragt nicht nur nach dem Sinn des Lebens – das Leben fragt nach dem Sinn, den wir ihm geben.“
Es geht also nicht nur um den Sinn des Lebens, sondern um den Sinn im Leben. Dieser individuelle Sinn bezeichnet eine Sinnkonstruktion, die eine Person für sich selbst zurechtlegt, ohne Anspruch auf Geltung für andere Menschen: „Das ist der Sinn meines Lebens.“
Das Wort Sinn kann viele unterschiedliche Bedeutungen haben – mit der Sinnfrage können wir nach vielen verschiedenen Dingen fragen:
- Sinn als Zweck: zu welchem Zweck lebe ich? Wofür ist es gut, dass ich lebe? Welchen Effekt soll mein Leben haben? Es geht also um die Frage nach der Wirkung, die unser Leben hat – wohin führen meine Handlungen? Wofür bin ich gut? Was bewirke ich?
- Sinn als Rechtfertigung für Leiden: Leiden stellen wir eher infrage als Freude. Sinn kann dann als Rechtfertigung für Leiden erscheinen und verweist auf einen höheren Zweck: Ich gehe trotz Schmerzen meiner Arbeit nach, damit ich meine Kinder weiterhin gut versorgen kann. Es kommt zu einer Güterabwägung: Ist das Ziel bedeutend genug, um die Mühsal zu ertragen? Fehlt ein solcher übergeordneter Zweck, kann die Frage nach dem Sinn des Leidens und des Lebens besonders drängend werden.
- Sinn als Weg: die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Sinn leitet sich manchen Quellen zufolge von einem Wort für Weg ab. Auch die Bedeutung ›eine Richtung nehmen‹, ›eine Fährte suchen‹ sei darin enthalten. Wohin führt mich mein Leben? Wohin will ich es lenken?
- Sinn als Gefühl: Wir können doch immer nachdenken, was Sinn ergibt und was nicht – aber wir können auch ein Gefühl dafür haben: Manchmal können sich Dinge, Momente oder Handlungen sinnvoll oder sinnlos anfühlen. Dieses Gefühl entsteht wahrscheinlich eher durch die Erfüllung existenzieller Bedürfnisse und weniger durch Nachdenken.
- Bedürfnis nach Orientierung (vs. Pluralismus, Widersprüche)
- Bedürfnis nach Zugehörigkeit (vs. Einsamkeit, existenzielle Isolation)
- Bedürfnis nach Bedeutsamkeit (vs. Ohnmacht)
- Bedürfnis nach Nachvollziehbarkeit (vs. Chaos)
- Bedürfnis der Echtheit (vs. Anpassungsdruck)
Und oft geschieht »Sinn« genau da, wo andere Menschen mit uns unterwegs sind. Erinnern Sie sich einmal: Wer war da, als Sie nicht weiterwussten? Wer hat Ihnen Mut gemacht, als Sie gezweifelt haben? Wer hat Sie herausgefordert, etwas Neues zu wagen? Diese Menschen – wir können sie Mentoren, Freunde, Partner, manchmal auch zufällige Begegnungen nennen – sind wie Wegweiser. Sie stehen an Abzweigungen und geben uns, bewusst oder unbewusst, Orientierung.
Daher lohnt sich hin und wieder die geregelte Frage: wo gehöre ich dazu? Fühle ich mich einer Familie, einem Freundeskreis, einem Kollegium, einem Verein, einer Religionsgemeinschaft zugehörig?
Denn manche existenziellen Problemstellungen lassen sich nicht auflösen. Hier können wir immer noch anbieten, die verbleibende Unsicherheit gemeinsam auszuhalten. Es gilt anzuerkennen, dass auch das Teilen von Schmerz und Unlösbarkeit heilsam sein kann, wenn wir teilen die gleiche Unsicherheit gegenüber den großen Fragen des Lebens.
GEBET
Gott,
manches in meinem Leben und in dieser Welt
ist gerade schwer auszuhalten.
Vieles fordert mich heraus und manchmal frage ich mich,
wohin das alles führt und welchen Sinn es hat.
Ich suche nach Halt und nach einem Weg,
der mich nicht verzweifeln lässt.
Hilf mir zu vertrauen, dass Du bei mir bist –
auch dann, wenn ich Dich kaum spüre;
dass Du mir Menschen an die Seite stellst,
die mich verstehen, mich stärken
oder einfach ein Stück mitgehen.
Gib mir Kraft, wenn mir alles zu viel wird, Geduld mit mir selbst,
und bewahre mich davor, dass Angst und Mutlosigkeit mich bestimmen.
Mach mein Herz offen für das Leben, wie es jetzt ist,
für kleine Zeichen von Hoffnung,
für Begegnungen, die guttun,
für Wege, die sich langsam zeigen.
Halte mich, Gott, wenn ich unsicher werde,
und lass mich weitergehen – Schritt für Schritt.
Amen.
