Leid­kul­tur

Leid­kul­tur

Leid ver­ste­hen – oder ler­nen, da­mit umzugehen?

Wer den Film Der Pia­nist ge­se­hen hat, bleibt sel­ten un­be­rührt zu­rück. Die Ge­schich­te des jü­di­schen Pia­nis­ten Wła­dysław Szpil­man führt vor Au­gen, wie schnell ein nor­ma­les Le­ben zer­stört wer­den kann. Sie zeigt Hun­ger, Angst, Ver­lust und die stän­di­ge Be­dro­hung des To­des. Vor al­lem aber kon­fron­tiert sie uns mit ei­ner Fra­ge, die Men­schen seit Jahr­tau­sen­den be­schäf­tigt: War­um gibt es Leid?
Die­se Fra­ge be­geg­net je­dem Men­schen ir­gend­wann im Le­ben. Manch­mal in klei­nen Din­gen, manch­mal in gro­ßen. Eine zer­bro­che­ne Freund­schaft, eine schwe­re Krank­heit, der Ver­lust ei­nes ge­lieb­ten Men­schen oder die Er­fah­rung von Ein­sam­keit kön­nen uns aus der Bahn wer­fen. Sol­che Er­fah­run­gen ge­hö­ren zum mensch­li­chen Le­ben. Nie­mand bleibt von ih­nen verschont.
Doch der Film er­in­nert uns zu­gleich dar­an, dass es eine Form von Leid gibt, die weit über das hin­aus­geht, was wir nor­ma­ler­wei­se er­le­ben. Das Leid der Op­fer des Ho­lo­caust war nicht ein­fach Schick­sal. Es war von Men­schen ge­plant, or­ga­ni­siert und be­wusst ver­ur­sacht. Ge­ra­de des­halb stellt sich die Fra­ge nach dem Um­gang mit Leid hier mit be­son­de­rer Dringlichkeit.

Vie­le Men­schen er­war­ten von Re­li­gi­on Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen. Doch wer in die jü­di­sche oder christ­li­che Tra­di­ti­on blickt, wird über­rascht fest­stel­len, dass dort kaum ein­fa­che Er­klä­run­gen zu fin­den sind.

Das Ju­den­tum etwa kennt die Ge­schich­te des Hiob. Hiob ist ein ge­rech­ter Mensch. Er lebt nach den Ge­bo­ten Got­tes und ver­sucht, ein gu­tes Le­ben zu füh­ren. Trotz­dem ver­liert er al­les: sei­nen Be­sitz, sei­ne Fa­mi­lie und schließ­lich so­gar sei­ne Ge­sund­heit. Sei­ne Freun­de sind über­zeugt, dass es da­für ei­nen Grund ge­ben müs­se. Viel­leicht habe Hiob et­was falsch ge­macht. Viel­leicht be­stra­fe Gott ihn. Doch ge­nau die­se Er­klä­run­gen wer­den im Ver­lauf der Ge­schich­te zu­rück­ge­wie­sen. Das Buch Hiob macht deut­lich, dass sich nicht je­des Leid er­klä­ren lässt. Nicht je­des Leid hat ei­nen er­kenn­ba­ren Sinn. Nicht al­les ge­schieht aus ei­nem be­stimm­ten Grund.
Die­se Ein­sicht mag zu­nächst ent­täu­schend wir­ken. Doch sie ent­hält auch et­was Be­frei­en­des. Sie nimmt Men­schen die Last, für je­des Un­glück eine Er­klä­rung fin­den zu müs­sen. Die jü­di­sche Tra­di­ti­on er­laubt es, Fra­gen zu stel­len. Sie er­laubt Zwei­fel, Kla­ge und so­gar Wut. In vie­len Psal­men fin­den sich Wor­te, die er­staun­lich of­fen sind:

„Mein Gott, war­um hast du mich verlassen?“

Sol­che Sät­ze zei­gen, dass Glau­be nicht be­deu­tet, alle Ant­wor­ten zu ken­nen. Glau­be kann auch be­deu­ten, die of­fe­nen Fra­gen auszuhalten.

Auch das Chris­ten­tum bie­tet kei­ne ein­fa­che Lö­sung für das Pro­blem des Leids. Im Mit­tel­punkt steht hier Je­sus von Na­za­reth. Auf­fäl­lig ist, dass Je­sus Men­schen, die lei­den, nur sel­ten er­klärt, war­um sie lei­den. Statt­des­sen be­geg­net er ih­nen. Er hört zu, heilt Kran­ke, trös­tet Trau­ern­de und stellt sich an die Sei­te der Aus­ge­grenz­ten. Die christ­li­che Tra­di­ti­on hat dar­aus ei­nen wich­ti­gen Ge­dan­ken ent­wi­ckelt: Die wich­tigs­te Ant­wort auf Leid ist oft nicht die Er­klä­rung, son­dern die So­li­da­ri­tät. Men­schen brau­chen nicht im­mer Ant­wor­ten. Manch­mal brau­chen sie je­man­den, der bleibt.
Be­son­ders deut­lich wird die­ser Ge­dan­ke im Kreuz Jesu. Für Chris­ten zeigt das Kreuz, dass Gott dem mensch­li­chen Leid nicht fern­bleibt. Er be­trach­tet es nicht aus si­che­rer Ent­fer­nung, son­dern teilt es. Gott wird selbst zum Lei­den­den. Da­mit ver­schwin­det das Leid nicht, aber es er­hält eine neue Per­spek­ti­ve. Chris­ten glau­ben, dass Leid und Tod nicht das letz­te Wort ha­ben. Die Hoff­nung auf Auf­er­ste­hung be­deu­tet, dass selbst die dun­kels­ten Er­fah­run­gen nicht das Ende der Ge­schich­te sein müssen.

Doch was pas­siert, wenn Leid eine Di­men­si­on er­reicht, die jede Vor­stel­lungs­kraft über­steigt? Ge­nau an die­sem Punkt steht die Mensch­heit vor Ausch­witz. Die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­la­ger er­schüt­ter­ten nicht nur die Welt­po­li­tik und das mo­ra­li­sche Den­ken, son­dern auch die Re­li­gio­nen. Nach dem Ho­lo­caust konn­ten vie­le Men­schen nicht mehr so glau­ben wie zu­vor. Die Fra­ge „Wo war Gott?“ wur­de zu ei­ner der zen­tra­len Fra­gen des 20. Jahrhunderts.

Vie­le jü­di­sche Den­ker ka­men zu dem Schluss, dass die ent­schei­den­de Fra­ge viel­leicht gar nicht lau­tet: „War­um hat Gott das zu­ge­las­sen?“ Viel wich­ti­ger sei die Fra­ge: „War­um ha­ben Men­schen das ge­tan?“ Ausch­witz war kei­ne Na­tur­ka­ta­stro­phe. Es war das Werk von Men­schen. Men­schen ent­wi­ckel­ten die Ideo­lo­gie. Men­schen plan­ten die De­por­ta­tio­nen. Men­schen be­dien­ten die Ma­schi­nen der Ver­nich­tung. Ge­ra­de das macht die Ge­schich­te so er­schüt­ternd. Die Tä­ter wa­ren kei­ne Mons­ter aus ei­ner frem­den Welt. Vie­le wa­ren ge­bil­de­te Men­schen, Fa­mi­li­en­vä­ter, Nach­barn und Kol­le­gen. Die Sho­ah zeigt, wie ge­fähr­lich Gleich­gül­tig­keit, Hass und die Ab­wer­tung an­de­rer Men­schen wer­den können.

Auch das Chris­ten­tum muss­te sich nach 1945 kri­ti­schen Fra­gen stel­len. Vie­le Tä­ter stamm­ten aus christ­lich ge­präg­ten Ge­sell­schaf­ten. Kir­chen schwie­gen oft zu lan­ge oder han­del­ten nicht ent­schie­den ge­nug. Dar­aus ent­stand die Er­kennt­nis, dass Glau­be nie­mals eine Aus­re­de für Pas­si­vi­tät sein darf. Wer von der Wür­de des Men­schen spricht, muss sie auch ver­tei­di­gen. Nicht ir­gend­wann, son­dern ge­nau dann, wenn sie be­droht wird.

Da­mit führt die Fra­ge nach dem Leid schließ­lich zu ei­ner Fra­ge nach un­se­rer ei­ge­nen Verantwortung.
Der Film Der Pia­nist gibt kei­ne ein­fa­chen Ant­wor­ten. Er zeigt Men­schen in Si­tua­tio­nen, die sich kaum be­ur­tei­len las­sen. Er zwingt uns, über Mo­ral, Mut, Angst und Mensch­lich­keit nach­zu­den­ken. Doch die wich­tigs­te Fra­ge lau­tet viel­leicht nicht, was wir da­mals ge­tan hät­ten. Nie­mand kann das mit Si­cher­heit wis­sen. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist viel­mehr, wie wir heu­te handeln.
Wie re­agie­ren wir, wenn Men­schen aus­ge­grenzt wer­den? Wie ge­hen wir mit Vor­ur­tei­len um? Was tun wir, wenn an­de­re ver­spot­tet oder er­nied­rigt wer­den? Er­in­ne­rungs­kul­tur be­deu­tet des­halb weit mehr als das Ler­nen von Jah­res­zah­len oder his­to­ri­schen Fak­ten. Sie be­deu­tet, die Ver­gan­gen­heit ernst zu neh­men und dar­aus Ver­ant­wor­tung für die Ge­gen­wart abzuleiten.

So­wohl das Ju­den­tum als auch das Chris­ten­tum kom­men da­bei zu ei­ner ge­mein­sa­men Über­zeu­gung: Je­der Mensch be­sitzt eine un­ver­lier­ba­re Wür­de. Die­se Wür­de hängt nicht von Leis­tung, Her­kunft, Re­li­gi­on, Aus­se­hen oder Er­folg ab. Sie kommt je­dem Men­schen al­lein des­halb zu, weil er Mensch ist. Ge­nau die­ser Ge­dan­ke wur­de im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sys­te­ma­tisch zer­stört. Men­schen wur­den in „wert­voll“ und „wert­los“ ein­ge­teilt. Ausch­witz war die ra­di­kals­te Fol­ge die­ses Denkens.

Viel­leicht be­steht die wich­tigs­te Auf­ga­be der Er­in­ne­rung des­halb nicht dar­in, jede Fra­ge nach dem Leid be­ant­wor­ten zu kön­nen. Viel­leicht be­steht sie viel­mehr dar­in, auf­merk­sam zu blei­ben für das Leid an­de­rer Men­schen. Der Film zeigt, dass Men­schen zu un­fass­ba­rer Grau­sam­keit fä­hig sind. Gleich­zei­tig zeigt er aber auch, dass selbst un­ter den schlimms­ten Be­din­gun­gen Mensch­lich­keit mög­lich bleibt. Men­schen kön­nen hel­fen, tei­len, schüt­zen und Hoff­nung schenken.

Am Ende steht des­halb nicht die Fra­ge, ob wir das Leid der Welt voll­stän­dig ver­ste­hen kön­nen. Das kön­nen wir nicht. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet viel­mehr: Wel­che Art von Mensch möch­te ich sein, wenn ich Leid be­geg­ne? Denn die Zu­kunft der Er­in­ne­rungs­kul­tur ent­schei­det sich nicht in Ge­denk­stät­ten oder Ge­schichts­bü­chern al­lein. Sie ent­schei­det sich je­den Tag neu in un­se­rem Um­gang mit an­de­ren Menschen.