Kri­sen

Es gibt die­se Mo­men­te, Pha­sen und Ab­schnit­te im Le­ben, die man am liebs­ten über­sprin­gen möch­te. Mo­men­te, in de­nen das Le­ben ein­fach weh tut. Al­les ist chao­tisch, un­ge­wiss und schlicht­weg zum Da­von­lau­fen. Ge­nau in sol­chen Mo­men­ten wäre es doch herr­lich, ein­fach den Kopf in den Sand zu ste­cken und zu den­ken: Viel­leicht muss ich das nicht al­les aus­hal­ten; viel­leicht löst sich das lei­se im Hin­ter­grund. Wo­mög­lich so­gar: Viel­leicht bringt Gott das so ganz un­ter der Hand wie­der in Ordnung.

Doch Kri­sen sind kei­ne Fehl­funk­ti­on des Le­bens, son­dern oft des­sen wich­tigs­te Ent­wick­lungs­hel­fer. Sie rüt­teln wach, zei­gen uns Gren­zen – und manch­mal auch neue Wege. Sie be­rei­ten kei­ne Freu­de, aber sie ar­bei­ten an uns. Und das ist gar nicht so schlecht.

Na­tür­lich wünscht man sich, dass al­les glatt­läuft: Be­zie­hun­gen, Ge­sund­heit, Be­ruf, in­ne­re Ba­lan­ce. Doch das Le­ben hält sich sel­ten an un­se­re Wunschzettel.

In Be­zie­hungs­kri­sen bei­spiels­wei­se sind zwei grund­ver­schie­de­ne Ent­wick­lun­gen mög­lich. Der tat­säch­li­che Aus­gang ist zum ak­tu­el­len Zeit­punkt noch un­ge­wiss. Auch in ge­sund­heit­li­chen Her­aus­for­de­run­gen lie­gen die Mög­lich­kei­ten nah bei­ein­an­der: die Chan­ce auf Hei­lung und die Angst vor dem schwe­ren Verlauf.

Ge­ra­de in die­sen Si­tua­tio­nen hilft es, den Din­gen ins Auge zu se­hen – auch wenn es weh­tut. Der Glau­be hilft da­bei, nicht, weil er al­les schön­re­det, son­dern weil er Halt gibt, wenn Si­cher­hei­ten brö­ckeln. Gott ver­spricht nicht, dass al­les gut aus­geht. Aber er hat zu­ge­sagt, da zu blei­ben, dass wir nicht al­lein sind. Und das ist manch­mal der ent­schei­den­de Un­ter­schied, der Kri­sen be­stehen hilft.

Es ist leich­ter, dank­bar zu sein, wenn al­les läuft. Doch Rei­fe zeigt sich, wenn wir das an­neh­men, was wir uns nicht aus­ge­sucht ha­ben. Wenn wir sa­gen kön­nen: Ich ver­ste­he es nicht, aber ich ver­traue trotz­dem - nicht dar­auf, dass al­les gut wird, aber dass es ge­tra­gen bleibt.

Und wie geht das prak­tisch? Wie bleibt man in­ner­lich auf­recht, wenn das Le­ben au­ßen her­um ins Wan­ken gerät?

Ers­tens: Re­den. Mit Men­schen, die wirk­lich zu­hö­ren und aus­hal­ten kön­nen, dass man nicht stark, nicht fröh­lich und nicht »In­sta­gram-taug­lich« ist.

Zwei­tens: Ehr­lich wer­den. Sich selbst und an­de­ren ge­gen­über. Kei­ne Show, kein Durch­hal­ten um je­den Preis. Ein­fach sa­gen, wie es ist.

Und drit­tens: Los­las­sen. Er­war­tun­gen, Plä­ne, das Bild vom per­fek­ten Le­ben. Nicht klam­mern, nicht fest­hal­ten, son­dern of­fen blei­ben für das, was kommt. Da­mit ler­ne ich, wie Pau­lus es wun­der­bar nüch­tern im Ko­rin­ther­brief aus­drückt, „al­les zu ha­ben, als hät­te ich es nicht.“

Es ist eine an­spruchs­vol­le Auf­ga­be, her­aus­for­dern­de Si­tua­tio­nen mit Ruhe und Mut zu be­trach­ten. Um eine Kri­se zu be­wäl­ti­gen, braucht es den Mut, sie ehr­lich an­zu­schau­en und die Be­reit­schaft, je­den Aus­gang an­zu­neh­men, da­mit ich die Kraft fin­de zu än­dern, was in mei­ner Macht steht.

Kri­sen kön­nen das Le­ben ver­tie­fen, mich per­sön­lich wach­sen las­sen und kla­rer se­hen hel­fen. Sie kön­nen ei­nen Le­bens­reich­tum brin­gen, den es ein­fach nicht bil­li­ger gibt. Nicht im­mer. Aber oft ge­nug. Dar­auf ver­traue ich wirklich.