Kinds­köp­fe

Kinds­köp­fe

„Wenn ihr nicht um­kehrt und wer­det wie die Kin­der, könnt ihr nicht in das Reich Got­tes kom­men.“ – Mt 18,3

Das klingt erst ein­mal rüh­rend. Man denkt an Kin­der mit schmut­zi­gen Knien, gro­ßen Au­gen und ei­ner er­staun­li­chen Fä­hig­keit, fünf Mi­nu­ten nach ei­nem Wut­an­fall wie­der voll­stän­dig im Hier und Jetzt zu sein. Aber ver­mut­lich ist Jesu Satz nicht rüh­rend ge­meint. Er ist un­er­quick­lich. Denn wer möch­te als er­wach­se­ner Mensch schon wie­der Kind sein?
Ein Kind kann nicht viel al­lein. Es muss fra­gen. Es braucht Hil­fe beim An­zie­hen, beim Es­sen, beim Ein­schla­fen, beim Le­ben über­haupt. Es ist ab­hän­gig. Und Ab­hän­gig­keit ist für Er­wach­se­ne nicht ge­ra­de ein Karriereplan.
Wir Er­wach­se­nen wol­len doch eher das Ge­gen­teil: un­ab­hän­gig sein, al­les im Griff ha­ben, nie­man­dem zur Last fal­len, funk­tio­nie­ren. Wir sa­gen: „Passt schon.“ Selbst dann, wenn nichts passt. Wir sa­gen: „Ich brau­che nichts.“ Und wun­dern uns dann, dass wir in­ner­lich austrocknen.
Je­sus sagt nicht: Wer­det kin­disch. Er sagt auch nicht: Gebt eu­ren Ver­stand an der Gar­de­ro­be ab. Aber er sagt: Wer­det wie­der Men­schen, die emp­fan­gen kön­nen. Men­schen, die sich hel­fen, lie­ben und be­schen­ken lassen.

Ich darf sein
In The Quiet Girl ist Cáit ein Kind, das kaum Raum ein­nimmt. Sie ist still, un­schein­bar und eher dar­auf ein­ge­stellt, nicht zu viel zu brau­chen. Kin­der ler­nen sehr schnell, wie viel Platz sie ein­neh­men dür­fen. Man­che ler­nen: „Sei laut, sonst hört dich nie­mand.“ An­de­re ler­nen: „Sei bes­ser un­sicht­bar, dann störst du nicht.“
Als Cáit zu Eibhlín und Seán Kin­sel­la kommt, ge­schieht nichts Spek­ta­ku­lä­res. Nie­mand hält ei­nen Vor­trag über Selbst­wert. Nie­mand sagt ihr: „Du bist wun­der­bar, glau­be an dich!“ Zum Glück. Das wäre für ein ver­letz­tes Kind auch eher an­stren­gend. Statt­des­sen ge­schieht et­was viel Wirk­sa­me­res: Sie wird er­war­tet. Sie be­kommt Zeit. Es wird nach ihr ge­schaut. Man spricht mit ihr, nicht über sie hin­weg. Sie darf mit­ar­bei­ten, ohne funk­tio­nie­ren zu müs­sen. Sie er­lebt: Ich muss hier nicht erst et­was leis­ten, da­mit ich will­kom­men bin.
Und ge­nau da­durch ver­än­dert sie sich.
Das ist eine der gro­ßen Wahr­hei­ten des Films – und üb­ri­gens auch des Evan­ge­li­ums: Men­schen wer­den nicht heil, weil man ih­nen ihre Feh­ler en­er­gisch er­klärt. Men­schen wer­den heil, weil je­mand ih­nen na­he­kommt, ohne sie zu beschämen.

Fa­mi­li­en­er­be
Nun hat Jesu Satz ei­nen Ha­ken. Um Kind sein zu kön­nen, braucht man – je­den­falls in­ner­lich – die Er­fah­rung: Da ist je­mand, zu dem ich ge­hö­re. Je­mand, der grö­ßer ist als ich. Je­mand, bei dem ich nicht um mei­ne Exis­tenz kämp­fen muss. Men­schen, die mir ver­mit­teln: „Du darfst da sein.“
Und ge­nau da wird es für vie­le kom­pli­ziert. Denn wir alle wa­ren ein­mal Kin­der. Wenn wir „Va­ter“, „Mut­ter“, „Kind­sein“ hö­ren, dann hö­ren wir nie nur Be­grif­fe. Wir hö­ren Er­in­ne­run­gen mit. Viel­leicht Wär­me, Schutz und Ver­läss­lich­keit. Viel­leicht aber auch Kri­tik, Un­be­re­chen­bar­keit, Käl­te oder Scham. Viel­leicht war da Lie­be – aber Lie­be mit Be­din­gun­gen: „Wenn du ar­tig bist.“ „Wenn du gute No­ten hast.“ „Wenn du uns nicht bla­mierst.“ „Wenn du nicht so emp­find­lich bist.“
Zwi­schen Gott als Va­ter und uns Men­schen hängt des­halb bei vie­len eine Wol­ke: die Her­kunfts­fa­mi­lie. Und die­se Wol­ke löst sich nicht ein­fach auf, weil man in­zwi­schen 30, 50 oder 70 Jah­re alt ist.
Kind­heits­wun­den wach­sen nicht ein­fach mit und ver­schwin­den dann. Sie sind eher wie Jah­res­rin­ge ei­nes Bau­mes: Teil un­se­rer Ge­schich­te. Man sieht sie nicht im­mer. Aber sie prä­gen, wie wir auf Druck re­agie­ren, wie wir Lie­be an­neh­men, wie wir mit Kri­tik um­ge­hen – und wie wir mit uns selbst reden.

Wund­ma­nage­ment
Das Pro­blem ist nicht: Schlech­te El­tern. Das Pro­blem ist: Ver­letz­te Men­schen. Denn es geht es nicht dar­um, El­tern vor ein geist­li­ches Ge­richt zu zer­ren. Kein Mensch be­kommt El­tern­sein voll­kom­men und feh­ler­frei hin. Un­se­re El­tern wa­ren selbst ein­mal Kin­der. Auch sie ha­ben Ver­let­zun­gen, Ängs­te und Man­gel er­lebt. Und was ein Mensch selbst nie emp­fan­gen hat, kann er oft nur schwer weitergeben.
Das er­klärt man­ches. Es ent­schul­digt nicht al­les. Aber es ver­hin­dert die be­que­me Ein­tei­lung: hier die schul­di­gen El­tern, dort die un­schul­di­gen Kinder.
Red­lich ist et­was an­de­res: Ich darf be­dau­ern, was mir ge­fehlt hat. Ich muss mei­ne Ge­schich­te nicht schön­re­den. Ich darf sa­gen: „Das hat mich ver­letzt.“ Oder: „Das hät­te ich ge­braucht.“ Das ist kei­ne Un­dank­bar­keit. Das ist Wahrhaftigkeit.
Und zu­gleich darf ich an­er­ken­nen: Auch ich gebe et­was wei­ter. An Kin­der, Part­ne­rin­nen, Part­ner, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen. Auch ich kann mit ei­nem Blick be­schä­men, mit Iro­nie klein­ma­chen, mit Rück­zug be­stra­fen. Wir alle sind ge­bro­che­ne Men­schen. Die gute Nach­richt ist nicht, dass wir uns selbst per­fekt re­pa­rie­ren könn­ten. Die gute Nach­richt lau­tet: Wir müs­sen die al­ten Mus­ter nicht für im­mer weitergeben.

Gott-Va­ter ist anders
Je­sus zeigt: Gott ist an­ders. Wenn das Wort „Va­ter“ bei uns be­las­tet ist, kom­men wir an Je­sus nicht vor­bei. Denn Je­sus zeigt nicht ein­fach ir­gend­ein Bild von Gott. Gott als Va­ter ist er­staun­lich an­ders als die Stim­men, die vie­le von uns im Kopf haben.
Er ist kein Buch­hal­ter der Enttäuschungen.
Er war­tet nicht dar­auf, dass wir end­lich ge­nug leisten.
Er wird nicht erst freund­lich, wenn wir un­se­re Sa­che or­dent­lich ge­re­gelt haben.
Je­sus er­zählt von ei­nem Hir­ten, der ei­nem ver­lo­re­nen Schaf nach­geht. Nicht: „Selbst schuld. Hät­test du halt bes­ser auf­pas­sen müs­sen.“ Son­dern: Er sucht. Er geht los. Er trägt das Tier heim. Und dann fei­ert er.
Gott ist of­fen­bar ein Gott, der er­staun­lich vie­le Grün­de fin­det, sich zu freu­en. Nicht nur über die neun­und­neun­zig Bra­ven, die al­les or­dent­lich ma­chen. Son­dern ge­ra­de über den ei­nen Men­schen, der sich ver­irrt hat und wie­der nach Hau­se kommt.
Die ent­schei­den­de Bot­schaft lau­tet: Du ge­hörst dazu, be­vor du et­was ge­leis­tet hast.
Das ist die Er­fah­rung ei­nes klei­nen Kin­des: Es wird ge­liebt, be­vor es et­was kann. Ein Säug­ling hat schließ­lich noch kei­ne Re­fe­ren­zen vor­zu­wei­sen. Er kann nicht ko­chen, nicht ver­die­nen, nicht hel­fen, kei­ne sinn­vol­len Ge­sprä­che füh­ren. Und doch ist er kost­bar, ein­fach weil er da ist.

So sieht Gott uns an
Man kann dar­an er­ken­nen, wie Gott ist, wie Je­sus mit den Men­schen um­geht, die re­li­gi­ös oder ge­sell­schaft­lich be­reits ab­ge­schrie­ben waren.
Und selbst sei­nen Jün­gern – die­sen oft er­staun­lich be­griffs­stut­zi­gen Män­nern – sagt Je­sus in der Nacht sei­nes Verrats:

„Ich nen­ne euch Freun­de.“ – Joh 15,15

Je­sus sagt nicht: „Ord­net erst ein­mal euer Le­ben, dann dürft ihr zu mir kom­men.“ Er sagt: „Komm. Und weil du kommst, kann sich dein Le­ben verändern.“
Das ist ein Un­ter­schied, der al­les ver­än­dert. Wie Kin­der wer­den, heißt des­halb auch: Den Mut ha­ben, nicht vor Gott weg­zu­lau­fen, wenn ich mich schä­me, son­dern zu ihm hin­zu­ge­hen. Nicht weil al­les in Ord­nung ist. Son­dern weil bei ihm et­was in Ord­nung kom­men kann.

Drei Übun­gen für den Alltag

  1. Ent­lar­ve ei­nen al­ten in­ne­ren Satz.
    • Ach­te in den nächs­ten Ta­gen auf ei­nen Satz, der dich klein­macht: „Ich bin zu dumm“, „Ich krie­ge nichts hin“, „Jetzt bin ich wie­der eine Enttäuschung.“
    • Hal­te kurz inne und fra­ge: Spricht hier wirk­lich Gott? Oder spricht hier eine alte Stim­me aus mei­ner Geschichte?
    • Got­tes Stim­me kann her­aus­for­dern. Aber sie de­mü­tigt nicht. Sie führt zur Wahr­heit – und zu­gleich in die Freiheit.
  2. Übe das Empfangen.
    • Wenn je­mand dir hilft, dich lobt oder dir Zeit schenkt: Weh­re es nicht so­fort ab. Sag nicht: „Ach, das war doch nichts.“
    • Sage ein­fach: „Dan­ke.“ Das klingt klein, ist aber geist­li­ches Trai­ning. Denn wer nie et­was emp­fan­gen kann, wird auch Got­tes Gna­de im­mer nur für eine net­te Theo­rie halten.
  3. Schen­ke ei­nem Men­schen eine ech­te Begegnung.
    • Sei für je­man­den heu­te nicht der gro­ße Pro­blem­lö­ser. Sei ein­fach auf­merk­sam. Fra­ge: „Wie geht es dir wirk­lich?“ War­te die Ant­wort ab. Hör zu, ohne so­fort ei­nen Rat zu ge­ben. Viel­leicht ist je­mand in Ih­rer Nähe so still wie Cáit – nicht, weil er nichts zu sa­gen hät­te, son­dern weil er ge­lernt hat, dass oh­ne­hin nie­mand zuhört.

Das Le­ben ei­nes Kin­des Gottes
Wer sich als Kind Got­tes be­schen­ken lässt, muss nicht stän­dig um An­er­ken­nung hun­gern. Dann muss ich nicht aus je­der Leis­tung ei­nen Be­weis mei­ner Exis­tenz machen.
Ein Kind Got­tes darf ei­nen frei­en Nach­mit­tag genießen.
Es darf gut es­sen, ohne sich das erst ver­die­nen zu müssen.
Es darf ru­hen, ohne sich schul­dig zu fühlen.
Es darf Sor­gen ha­ben – aber sie nicht al­lein ver­wal­ten müssen.
Und es darf ler­nen, die Stim­men zu unterscheiden.
Nicht jede Stim­me in uns ist Got­tes Stim­me. Nicht jede For­de­rung, nicht jede Be­schä­mung, nicht jede Angst kommt von ihm.
Viel­leicht ist das die ei­gent­li­che Zu­mu­tung von Jesu Satz: nicht wie­der klein zu wer­den, son­dern wie­der ver­trau­ens­fä­hig. Nicht hilf­los im schlech­ten Sinn, son­dern emp­fäng­lich. Nicht naiv, son­dern offen.
Wie Cáit dür­fen wir ler­nen: Ich muss nicht um mei­nen Platz kämp­fen. Ich darf da sein.
Bei ihm sind wir längst erwartet.

 

GE­BET
Gott, un­ser Vater,
wir sind hier mit dem, was wir gern im Griff hätten.
Und mit all dem, was wir nicht kon­trol­lie­ren können.
Man­ches aus un­se­rer Ge­schich­te tra­gen wir noch im­mer mit uns:
Wor­te, die uns klein ge­macht haben.
Bli­cke, vor de­nen wir uns ge­schämt haben.
Er­war­tun­gen, die wir bis heu­te er­fül­len wollen.
Du weißt um all das. Wir bit­ten dich:
Lass die al­ten Er­fah­run­gen nicht be­stim­men, wer wir sind.
Leh­re uns, Hil­fe anzunehmen.
Leh­re uns, ehr­lich zu sa­gen, wenn wir nicht weiterwissen.
Leh­re uns, Ruhe nicht als ver­lo­re­ne Zeit zu behandeln.
Und zei­ge uns, wo wir selbst hart ge­wor­den sind:
in un­se­ren Ur­tei­len, in un­se­ren Worten,
in dem, was wir von an­de­ren erwarten.
Be­wah­re uns da­vor, Ver­let­zun­gen weiterzugeben.
Mach uns zu Menschen,
bei de­nen an­de­re nicht um ih­ren Platz kämp­fen müssen.
Dan­ke, dass du bei uns bleibst, uns nicht aufgibst.
Und wenn wir uns verlieren,
dann lass uns nicht vor dir davonlaufen.
Zieh uns zu dir zurück.
Amen.