In­ne­re Stimmen

Dein Kopf ein ein­zi­ger Schleu­der­gang, dei­ne Ge­füh­le fah­ren Ach­ter­bahn mit dir und der Stress er­drückt dich förm­lich. Es fühlt sich be­droh­lich an, schwer aus­zu­hal­ten. Was tust du in die­sen Mo­men­ten, wenn dir die Kon­trol­le entgleitet?
Am liebs­ten möch­te man weg­ren­nen. Aber ge­nau das macht es meis­tens noch schlim­mer. Des­we­gen fol­gen hier ein paar ein­fa­che, prak­ti­sche Schrit­te, wie du die Brem­se zie­hen kannst, be­vor du eine Ent­schei­dung triffst, die du spä­ter bereust.

Der ers­te Schritt ist ra­di­kal sim­pel: Er ist ein Stopp, das du be­wusst setzt. Nimm wahr, was ge­ra­de wirk­lich da ist. Nicht in­ter­pre­tie­ren, nicht ana­ly­sie­ren, ein­fach re­gis­trie­ren: „Ich bin ver­wirrt. Ich bin über­for­dert. Ich bin mit mei­nen Kräf­ten am Ende.“ Es hat et­was er­staun­lich Be­frei­en­des, dem in­ne­ren Cha­os kei­nen Wi­der­stand mehr ent­ge­gen­zu­wer­fen oder da­von­zu­lau­fen. Du musst es nicht mö­gen. Du musst es nur nicht bekämpfen.
Und ganz wich­tig: Triff in die­sem Zu­stand kei­ne ein­zi­ge Ent­schei­dung. Kein An­ruf, kei­ne Mail, kei­ne Kün­di­gung. Erst­mal nur ste­hen­blei­ben. Punkt.

Schritt 2: Der Kör­per lügt nie. Dei­ne Ge­dan­ken er­zäh­len dir ger­ne Mär­chen, Ge­füh­le über­trei­ben fast im­mer, aber dein Kör­per sagt die Wahr­heit. Spür mal kurz hin: Wo sitzt der Stress? Hast du ei­nen Kloß im Hals? Liegt dir et­was schwer im Ma­gen? Tra­gen dei­ne Schul­tern ge­ra­de die Last der gan­zen Welt? Atme ein­mal so tief ein, dass dein Bauch es merkt… und wie­der aus. Dein Kör­per ist die Not­aus­gangs­tür aus dem Ge­dan­ken­ka­rus­sell. Komm erst mal wie­der in dei­ner ei­ge­nen Haut an. Dein Kör­per ist die Zu­gangs­tür zu dem, was ge­ra­de wirk­lich los ist. Er lügt nicht.

Schritt 3: Zeit für eine Kon­fe­renz. In dir tobt ge­ra­de eine laut­star­ke De­bat­te. Da ist die Wut, die schreit: „Was für ein Idi­ot!“ Da ist der Stress-Im­puls, der drängt: „Ich muss das jetzt so­fort er­le­di­gen!“ Und da ist die Angst, die flüs­tert: „Das schaffst du nie.“ Stell dir vor, du lässt die­se gan­ze Trup­pe an ei­nem Tisch Platz nehmen.
Hör ih­nen der Rei­he nach zu, aber lass dich nicht von ih­nen be­stim­men. Denn – und das ist der ent­schei­den­de Punkt: Du bist nicht dei­ne Wut. Du bist nicht dei­ne Angst. Du bist Chef am Tisch. Du bist die sou­ve­rä­ne In­stanz, die sagt: „Dan­ke für eure Mei­nung, ich hab’s ge­hört. Aber ent­schei­den wer­de ich.“ Wenn du die­sen Ab­stand ge­winnst, bist du nicht mehr die Wut, son­dern du hast Wut. Das ist ein rie­si­ger Unterschied.
Wer nur re­agiert, ist ein Skla­ve sei­ner Im­pul­se. Wer zu­hört und Ab­stand ge­winnt, wird wie­der zum Ge­stal­ter der Situation.

Schritt 4: Die fei­ne Kunst der in­ne­ren Unterscheidung.
Wie sor­tierst du jetzt die­se Stim­men? In­dem du auf die Qua­li­tät der Im­pul­se achtest.
Es gibt Stim­men, die ma­chen eng. Stim­men, die rie­chen nach Angst, nach Pflicht­ge­fühl oder nach frem­den Er­war­tun­gen. Stim­men, die sich wie un­se­re El­tern, Nach­barn oder Vor­ge­setz­ten an­hö­ren. Das sind meis­tens kei­ne gu­ten Ratgeber.
Und dann gibt es noch eine an­de­re Art von Stim­me. Sie ist oft nicht die lau­tes­te, aber sie schafft Wei­te. Sie bringt trotz des Cha­os ei­nen Mo­ment von Frie­den. Ich mer­ke, in­ner­lich ord­net sich et­was und Hand­lungs­op­tio­nen wer­den wie­der sicht­bar. Manch­mal nur an­fang­haft, aber im­mer­hin. Es geht dar­um, mit ge­nü­gend Zeit und aus­rei­chend Ab­stand im­mer wie­der nach die­ser in­ne­ren Stim­me Aus­schau halten.
In der spi­ri­tu­el­len Tra­di­ti­on nennt man das „die Un­ter­schei­dung der Geister“.

Schritt 5: Das Ge­bet als An­ker. Ge­bet ist kein Pflichtakt oder ein re­li­giö­ses Kunst­stück. Es ist viel­mehr ein ehr­li­ches Ge­spräch mit Gott, den ich im Mo­ment des Cha­os mit an den Tisch hole.  Es ist ein ru­hi­ger Satz wie: „Hilf mir zu se­hen, was jetzt dran ist. Zeig mir, was ich tun soll“. Die­se Mo­men­te ha­ben eine un­glaub­li­che Kraft.
Du be­test um Klar­heit, und im Lau­fe der nächs­ten Tage ord­net sich das Cha­os: Ein Im­puls von au­ßen, ein Satz in ei­nem Buch, ein plötz­li­cher Ge­dan­ke – und du weißt: Das ist es. Ich glau­be, dass in­ne­rer Frie­de ein Kenn­zei­chen da­für ist, wie Gott zu uns spricht und wie er uns hilft, neue und gute Wege in schwie­ri­gen Mo­men­ten zu finden.

Wenn du völ­lig über­la­den und über­for­dert bist: Geh raus. Jog­ge um den Block, geh in den Wald. Hör Mu­sik, die dich er­det oder kraul dein ge­lieb­tes Haus­tier – all das kann Tü­ren öff­nen, durch die der Ver­stand al­lein nicht kommt.
Mach dir die­se Schrit­te je­den­falls zu dei­ner re­gel­mä­ßi­gen Rou­ti­ne. Ein­mal am Tag zieh dich an dei­nen in­ne­ren Tisch zu­rück. Sor­tie­re den Fremd­müll aus, hör auf die Stim­me, die Frie­den at­met, und lad Gott in die­ses Ge­spräch ein. Das ist kein re­li­giö­ser Lu­xus, das ist die Rück­kehr zur ei­ge­nen Sou­ve­rä­ni­tät. Denn dein Le­ben ist zu kost­bar. Mensch­sein be­deu­tet mehr, als nur zu re­agie­ren und zu funk­tio­nie­ren. Pro­bie­re es aus. Es ver­än­dert alles.