Gewaltphänomene: Gewalt in den Medien, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Gewalt in der Pflege, Gewalt gegen die Schöpfung, etwa durch den von Menschen mit verursachten Klimawandel, Gewalt in den Städten, strukturelle Gewalt durch Arbeitslosigkeit und Armut, kriegerische Gewalt, Terrorakte.
Im Blick auf die Phänomene zerstörerischer, lebensbedrohlicher Gewalt gilt, dass den Religionen das Motiv der Gewaltkritik zutiefst eigen ist. Besonders pointiert gilt das für das Christentum. In der Verkündigung Jesu erhält die Gewaltkritik mit dem Gebot der Feindesliebe und der Seligpreisung derer, die ohne Gewalt für den Frieden eintreten, ein klares Profil. Von hier aus etabliert sich das Christentum als Religion der Liebe, die im Verhältnis der Menschen zueinander auf das gerichtet ist, was dem Leben dient, und dem entgegentritt, was das Leben des andern beschädigt. Das Gebot der Nächstenliebe wird im Gebot der Feindesliebe zugespitzt. Leitend ist ein Grundsatz der Inklusion, der seinen tiefsten Grund darin hat, dass Jesus Christus für alle Mensch geworden, für alle gestorben, für alle auferweckt ist. Dieser Zug gewinnt praktische Gestalt in der von Jesus aufgenommenen Goldene Regel: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“. Sie begründet ein Ethos, das vom Gedanken der Gegenseitigkeit menschlichen Verhaltens geprägt ist. Gewalt zerstört diese; sie widerspricht dem Grundsatz wechselseitiger Achtung.
Am deutlichsten zeigt sich das in den Beispielen, in denen die Bergpredigt schildert, wie sich der Geist der Vergeltung überwinden lässt. Dass einer, dem der Rock als Pfand abgenommen wird, auch noch den – in Wahrheit unpfändbaren, da zugleich als Decke gegen die Kühle der Nacht dienenden – Mantel drangibt, oder dass einer, der von römischen Besatzungssoldaten für eine Meile zu Spanndiensten herangezogen wird, noch eine zweite Meile mitgeht: all das sind höchst verantwortungsethisch konzipierte Schritte kalkulierter „Entfeindung“, mit denen die Fantasie intelligenter Feindesliebe angestachelt werden soll. Will man behaupten, diese Anstöße prallten an der politischen Wirklichkeit wirkungslos ab, muss man sie zunächst einmal in ihrem überraschenden praktischen Sinn ernst nehmen. Es gibt mehrere historische Beispiele, in denen christliche Gemeinschaften Gewalt erfolgreich verhindert oder Frieden gefördert haben. Hier sind einige bedeutende Fälle:
1. Die Quäker und ihr Engagement für Gewaltfreiheit:
Die Quäker haben sich seit ihrer Gründung im 17. Jahrhundert konsequent für Gewaltlosigkeit eingesetzt. Sie waren führend in der Abschaffung der Sklaverei, der Förderung von Friedensverhandlungen und der Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern. Ihre Prinzipien der Gewaltfreiheit und Versöhnung haben in vielen Konflikten eine deeskalierende Wirkung gezeigt.
2. Die Gemeinschaft Sant’Egidio in Mosambik:
Die katholische Laiengemeinschaft Sant’Egidio spielte eine entscheidende Rolle bei den Friedensverhandlungen im Bürgerkrieg in Mosambik (1977–1992). Durch ihre Vermittlung kam es 1992 zum Friedensvertrag von Rom, der den Konflikt beendete. Ihre Neutralität und ihr Engagement für Dialog wurden international anerkannt.
3. Die Rolle der Kirchen bei friedlichen Revolutionen:
In der DDR trugen evangelische Kirchen durch Gebete für den Frieden und gewaltfreie Proteste maßgeblich zum Fall des kommunistischen Regimes bei. Ähnlich unterstützte die katholische Kirche in Polen die Solidarność-Bewegung, die zur friedlichen Überwindung des Kommunismus führte.
Das Christentum hat durch die Verkündigung Jesu wie durch die zentrale Bedeutung seines Kreuzestodes gegenüber anderen Religionen in einer ungleich radikaleren Weise der Gewalt abgesagt. Dennoch vermochte es sich keineswegs von der Verführungskraft der Gewalt oder deren Unausweichlichkeit zu befreien. Mit dem Übergang des Christentums in den Status einer Staatsreligion hat es nicht nur staatliche Gewaltanwendung legitimiert, sondern auch für die Durchsetzung eigener Ziele in Anspruch genommen. Vom Christentum gilt wie von anderen Religionen auch, dass es eine „riskante Religion“ ist; es muss seine Grundmotive, unter ihnen ganz besonders das Liebesmotiv immer wieder aus den Selbstwidersprüchen befreien, in die es sich verstrickt. Dabei handelt es sich um schmerzhafte, selbstkritische Lernprozesse. Aber das Bemühen ist nicht aussichtslos. Seinem Ursprungsimpuls bleibt das Christentum nur treu, wenn es auch in ambivalenten Situationen den Vorrang der Gewaltfreiheit vor der Gewalt festhält und deshalb selbst dort, wo situationsbezogen ein Einsatz von Gewalt als unvermeidlich erscheint, jeder religiösen Legitimation von Gewalt eine Absage erteilt. Es geht nicht darum, von der Gewalt illusionär abzulenken, aber ihr nicht das Feld zu überlassen.
Im Christentum, aber auch in allen anderen großen Religionen wohnt ein beachtliches Friedenspotenzial. In ihnen ist eine große Sehnsucht nach Frieden aufbewahrt; sie verfügen über die Möglichkeit und die Fähigkeit dazu, Gewalt einzudämmen und Frieden zu stiften. Miteinander können die Religionen etwas für den Frieden tun, was jede einzelne von ihnen nur sehr viel schlechter könnte. Sie können Beispiele gelebter Toleranz bieten. Sie können zeigen, wie Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und Lebensformen in wechselseitiger Achtung miteinander leben können. Sie können sich von der Achtung für die Integrität des andern und der Bereitschaft, konkurrierende Wahrheitsansprüche achtungsvoll auszutragen, leiten lassen. Sie können gemeinsam religiösen Haltungen entgegen treten, in denen die Durchsetzung von Wahrheitsansprüchen mit Gewalt für möglich gehalten wird. Der Historiker Michael Borgolte konstatiert deshalb: „Religiöse Gegensätze“ führen „keineswegs unweigerlich zu Auseinandersetzungen, ja mörderischen Vernichtungskämpfen. Auf der ertragenen Differenz mit den anderen hat Europas Überleben, vor allem aber seine Kultur, bis heute beruht.“ Dass dies auch in Zukunft gilt und dass es nicht auf Europa beschränkt bleibt, ist die Hoffnung.
GEBET
Gott, zu dir bringen wir unsere destruktiven Streitigkeiten,
unsere verletzenden Worte und unsere Missverständnisse.
Wir bitten Dich: Mach uns frei zur Versöhnung.
Gott, zu dir bringen wir unseren Egoismus,
der uns manchmal blind macht für den anderen.
Wir bitten dich: Lass deine Liebe unsere Augen und Herzen öffnen.
Gott, zu dir bringen wir unsere Hast und Eile,
die uns das Wesentliche unseres Lebens oft nicht erkennen lassen.
Wir bitten dich: Schenke uns Glauben und Vertrauen an Dich, damit wir zur Ruhe kommen.
Herr, komm in unser Leben und heile, was in uns schreit,
und das, was in uns schweigt.
Herr, gib uns neue Kraft, zu leben.
Gib uns neuen Mut, auf Menschen zuzugehen.
Gib uns Vertrauen in dieses Leben.
Darum bitten wir Dich. Amen.