Geh mit mir!

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Die Il­lu­si­on der Au­to­no­mie und der Ernst des Versprechens

Der mo­der­ne Mensch lei­det an ei­ner chro­ni­schen Ver­wechs­lung von Frei­heit und Be­lie­big­keit. In der Psy­cho­the­ra­pie wie in der So­zio­lo­gie be­geg­net man täg­lich dem­sel­ben Be­fund: Bin­dungs­angst tarnt sich als Au­to­no­mie­stre­ben, und Kon­flikt­flucht wird als Selbst­für­sor­ge de­kla­riert. Man will die Früch­te der In­ti­mi­tät ern­ten, ohne den Preis der Ver­bind­lich­keit zu zah­len.
Die Do­ku­men­ta­ti­on „Für im­mer“ (2023) stellt zu die­ser Hal­tung das denk­bar ra­di­kals­te An­ti­pro­gramm dar. Über 87 Mi­nu­ten do­ku­men­tiert der Film das Ehe­paar Eva und Die­ter Si­mon nach fast sie­ben Jahr­zehn­ten Ehe: kei­ne hei­le Welt, son­dern ein Le­ben ge­zeich­net von Sei­ten­sprün­gen, dem Un­fall­tod des ei­ge­nen Kin­des, Ent­frem­dung und schließ­lich der kör­per­li­chen Hin­fäl­lig­keit bis zum Ster­be­bett. Der Film lie­fert kein ro­man­ti­sches An­schau­ungs­ma­te­ri­al, son­dern mensch­li­chen Rea­lis­mus. Da­bei stößt man un­wei­ger­lich auf drei exis­ten­ti­el­le Wirk­lich­kei­ten, die un­se­rer Ge­gen­wart weit­ge­hend ab­han­den­ge­kom­men sind.

1. Das Ver­spre­chen: Bin­dung als Raum der Frei­heit (sta­bi­li­tas)
Lie­be re­du­ziert sich in der Ge­gen­wart auf ein Af­fekt­ge­sche­hen. Ge­füh­le aber sind per De­fi­ni­ti­on in­sta­bil; wer eine Exis­tenz auf Stim­mun­gen grün­det, baut auf Treib­sand.
Das Ehe­ver­spre­chen ist kei­ne emo­tio­na­le Pro­gno­se, son­dern ein exis­ten­zi­el­ler Akt. Es ent­zieht die Be­zie­hung der Ta­ges­form des Ichs. In der as­ke­ti­schen Tra­di­ti­on der frü­hen Kir­che – na­ment­lich bei den Wüs­ten­vä­tern wie Evagri­us Pon­ti­cus – galt die Ace­dia, der Über­druss am Ge­gen­wär­ti­gen und das Ver­lan­gen nach ei­nem an­de­ren Ort oder ei­nem an­de­ren Men­schen, als die zer­stö­re­rischs­te al­ler Ver­su­chun­gen. Das Ge­gen­mit­tel der Mön­che und Ere­mi­ten war die sta­bi­li­tas loci: das ra­di­ka­le Ver­wei­len an dem Ort und bei der Auf­ga­be, die man vor Gott ge­wählt hat.
Im Ver­spre­chen „bis der Tod uns schei­det“ wird die­se sta­bi­li­tas greif­bar, wenn der alte Ehe­mann sei­ner bett­lä­ge­ri­gen Frau das Sau­er­stoff­ge­rät an­legt, die Füße wäscht und die Strümp­fe aus­zieht. Das ist kei­ne he­roi­sche Ro­man­tik, das ist die von Tho­mas von Aquin prä­zi­se de­fi­nier­te Aga­pe: ama­re est vel­le ali­cui bo­num – „Lie­ben heißt, das Wohl des an­de­ren wol­len“, un­ab­hän­gig da­von, was er mir im Ge­gen­zug nützt.
Bi­blisch ist das die Bun­des­lo­gik Got­tes. JHWH schließt kei­nen Ver­trag auf Wi­der­ruf, son­dern ei­nen Bund (be­rit). Ho­sea wird auf­ge­tra­gen, eine un­treue Frau zu lie­ben (Ho­sea 3,1), um sicht­bar zu ma­chen, dass gött­li­che Treue kein Ge­schäft auf Ge­gen­sei­tig­keit ist.
Für den All­tag be­deu­tet das eine ra­di­ka­le Ent­las­tung: Bin­dung ist kein Ge­fäng­nis, son­dern der ein­zi­ge Raum, in dem Ver­trau­en über­haupt wach­sen kann durch Ver­bind­lich­keit und Ver­läss­lich­keit. Wer die Kün­di­gungs­klau­sel im Kopf streicht, ver­liert die Op­ti­on zur Pa­nik. Lie­be wird hand­hab­bar, wenn sie nicht mehr als Ge­fühl ge­sucht, son­dern als Su­che nach dem ge­gen­sei­ti­gen Wohl und als Dienst voll­zo­gen wird.

2. Der Riss: Die Zer­knir­schung (me­t­a­noia) statt nar­ziss­ti­scher Krän­kung
Eva und Die­ter Si­mon schei­tern im Lau­fe ih­rer Ehe an­ein­an­der. Die­ters Ta­ge­buch­aus­zü­ge und Evas No­ti­zen of­fen­ba­ren Af­fä­ren, Ei­fer­sucht und lang­an­hal­ten­de Sprach­lo­sig­keit. Die mo­der­ne Re­flex­re­ak­ti­on lau­tet hier: Un­über­brück­ba­re Dif­fe­ren­zen, nar­ziss­ti­sche Krän­kung, Tren­nung als Ge­bot der Selbst­ach­tung.
Au­gus­ti­nus hielt den Men­schen in sei­ner Sün­de und Selbst­ge­rech­tig­keit tref­fend für in­cur­vat­us in se ip­sum, in sich selbst ver­krümmt und da­mit ver­schlos­sen. Nur ech­te Ver­ge­bung öff­net für den an­de­ren und für die Welt. Wer von sich selbst oder vom Part­ner Sünd­lo­sig­keit ver­langt, über­for­dert das Mensch­sein und lan­det un­wei­ger­lich in Zy­nis­mus oder Tren­nung.
Ech­te Ver­ge­bung ist je­doch das ge­naue Ge­gen­teil von Ver­drän­gung oder psy­cho­lo­gi­schem Be­schwich­ti­gen. Sie setzt die me­t­a­noia vor­aus – die nüch­ter­ne An­er­ken­nung “Ich habe Un­recht ge­tan“ und da­mit die Be­reit­schaft ei­nen an­de­ren Weg ein­zu­schla­gen. Jo­han­nes Cas­si­an, der die Weis­heit der Wüs­ten­vä­ter für das Abend­land sys­te­ma­ti­sier­te, warn­te da­vor, dass ver­dräng­ter Groll die See­le ver­gif­tet, weil er die Il­lu­si­on nährt, man selbst stün­de über dem Ver­sa­gen.
Bi­blisch for­mu­liert der Ephe­ser­brief die Me­cha­nik die­ses Vor­gangs ohne jede Gefühligkeit:

„Seid aber un­ter­ein­an­der freund­lich und herz­lich und ver­gebt ei­ner dem an­de­ren, wie auch Gott euch ver­ge­ben hat in Chris­tus.“ (Ephe­ser 4,32)

Die Poin­te liegt im Maß­stab: Nicht weil der an­de­re es „ver­dient“ hat, ver­ge­be ich, son­dern weil mir selbst ver­ge­ben ist. Wer be­grif­fen hat, dass er selbst von Gna­de lebt, ver­liert das Recht auf un­barm­her­zi­ge Här­te. Eva und Die­ter Si­mon sind nicht zu­sam­men­ge­blie­ben, weil sie ein­an­der nichts vor­zu­wer­fen hat­ten, son­dern weil sie ge­lernt ha­ben, die Schuld des an­de­ren zu tra­gen, an­statt sie als Waf­fe zu kon­ser­vie­ren.
Kon­kret: Ein funk­tio­nie­ren­der All­tag ver­langt im­mer wie­der, die Schuld beim Na­men zu nen­nen, ohne mil­dern­de Um­stän­de zu er­fin­den, und auf die Rech­nungs­füh­rung der ver­gan­ge­nen Feh­ler des an­de­ren ein für alle Mal zu verzichten.

3. Das Un­ver­füg­ba­re: Das Aus­hal­ten des Schmer­zes (hy­po­mo­ne)
Das Paar im Film ver­liert sei­ne vier­jäh­ri­ge Toch­ter bei ei­nem Ver­kehrs­un­fall. Die­ser Schlag spal­tet die Bio­gra­phie un­wi­der­ruf­lich in ein Da­vor und ein Da­nach. Hier ver­sagt je­des the­ra­peu­ti­sche Ra­tio­na­li­sie­ren. Schmerz lässt sich nicht weg­mo­de­rie­ren.
Die an­ti­ke und bi­bli­sche Theo­lo­gie kennt für die­se Grenz­si­tua­ti­on den Be­griff der hy­po­mo­ne – das stand­haf­te Aus­har­ren un­ter ei­ner Last, die man we­der ab­schüt­teln noch än­dern kann. Es ist die Hal­tung des Hiob, der auf die plat­ten Er­klä­rungs­ver­su­che sei­ner Freun­de ver­zich­tet und sei­ne Kla­ge di­rekt vor Gott bringt:

„Der Herr hat’s ge­ge­ben, der Herr hat’s ge­nom­men; der Name des Herrn sei ge­lobt.“ (Hiob 1,21)

Das ist kein Fa­ta­lis­mus, son­dern die nüch­ter­ne An­er­ken­nung, dass der Mensch nicht der Re­gis­seur sei­ner Exis­tenz ist.
Kier­ke­gaard be­merk­te, dass Ver­zweif­lung oft dort ent­steht, wo der Mensch sich wei­gert, die ei­ge­ne End­lich­keit und Ver­wund­bar­keit an­zu­neh­men. Wer glaubt, das Schick­sal be­herr­schen zu kön­nen, zer­bricht an der Rea­li­tät.
Eva und Die­ter ha­ben den Tod ih­res Kin­des nicht „ge­löst“. Sie ha­ben die Wun­de ge­mein­sam aus­ge­hal­ten. Am Le­bens­en­de mün­det die­ses ge­mein­sa­me Durch­tra­gen der Här­te in ein fried­li­ches Ster­ben. Wer ge­lernt hat, Ver­lus­te zu tra­gen, ohne zu ver­bit­tern, ver­liert auch vor dem ei­ge­nen Ster­ben die Hysterie.

Drei Ma­xi­me:

  1. Den Ver­trag durch den Bund er­set­zen: Strei­chen Sie in Be­zie­hun­gen das Kal­kül von Auf­wand und Er­trag. Wer stän­dig Buch führt, wer wem wie viel schul­det, be­treibt Buch­hal­tung, kei­ne Lie­be. Ent­schei­den Sie sich wil­lent­lich für die Ver­läss­lich­keit (sta­bi­li­tas), ge­ra­de an Ta­gen, an de­nen die Emo­tio­nen ausbleiben.
  2. Die Asym­me­trie der Ver­söh­nung le­ben: War­ten Sie nicht auf die Ein­sicht des Ge­gen­übers. Ver­let­zun­gen hei­len nicht durch Ge­gen­an­griff, son­dern durch den be­wuss­ten Ver­zicht auf Ver­gel­tung. Ver­ge­bung ist kein Ge­fühl, son­dern ein Wil­lens­akt, der die Zu­kunft von der Ty­ran­nei der Ver­gan­gen­heit befreit.
  3. Die Il­lu­si­on der Mach­bar­keit be­gra­ben: Ak­zep­tie­ren Sie, dass Schmerz, Ver­fall und Ver­lust zum Le­ben ge­hö­ren. Wer auf­hört, das Le­ben für das Vor­han­den­sein von Leid an­zu­kla­gen, ge­winnt die see­li­sche Kraft (hy­po­mo­ne), sich dem Schmerz zu stel­len – ge­tra­gen von der Zu­sa­ge, dass Got­tes Treue dort be­ginnt, wo mensch­li­che Res­sour­cen enden.

 

GE­BET
Gott, ich brau­che Men­schen, die mich tra­gen
und Be­zie­hun­gen, die stand­hal­ten,
wenn die Tage schwer wer­den.
Ich brau­che Men­schen, auf die ich mich ver­las­sen kann.
Lass mich auch selbst für an­de­re da sein.
Gib mir die Ge­duld und den lan­gen Atem,
zu­zu­hö­ren, Zeit zu ha­ben, zu hel­fen,
da­mit Ver­trau­en über Jah­re wach­sen und rei­fen kann.
Zeig mir, was der Mensch ne­ben mir jetzt braucht
und was ich kon­kret tun kann. Wo ich ver­letzt habe,
lass mich ehr­lich wer­den und um Ver­zei­hung bit­ten.
Wo ich ver­letzt wur­de, be­wah­re mich da­vor,
den an­de­ren auf sei­nen Feh­ler fest­zu­le­gen.
Gib mir Kraft zur Ver­söh­nung,
ohne Un­recht zu ver­schwei­gen oder klein­zu­re­den.
Was ich nicht än­dern kann, brin­ge ich dir:
mei­ne Sor­ge, mei­nen Ver­lust, mei­ne Angst.
Bei dir will ich nichts schön­re­den.
Sei bei mir, wenn ich nicht wei­ter­weiß.
Und hilf mir, bei an­de­ren zu blei­ben,
auch wenn ich kei­ne Lö­sung habe.
Dar­um bit­te ich dich. Amen.