Er­in­ne­rungs­kul­tur

Er­in­ne­rungs­kul­tur

Hört, ihr Is­rae­li­ten! Der HERR ist un­ser Gott, der HERR al­lein. Ihr sollt ihn von gan­zem Her­zen lie­ben, mit gan­zer Hin­ga­be und mit all eu­rer Kraft. Be­wahrt die Wor­te im Her­zen, die ich euch heu­te sage! Prägt sie eu­ren Kin­dern ein! Re­det im­mer und über­all da­von, ob ihr zu Hau­se oder un­ter­wegs seid, ob ihr euch schla­fen legt oder auf­steht. Schreibt euch die­se Wor­te zur Er­in­ne­rung auf ein Band und bin­det es um die Hand und die Stirn! Ritzt sie ein in die Pfos­ten eu­rer Haus­tü­ren und Stadt­to­re! (Deu­te­ro­no­mi­um 6,4ff.)

Ver­giss nicht, was er dir Gu­tes ge­tan hat! (Psalm 103,4)

Er­in­ne­rung wirkt verändernd

  • „Das Ge­heim­nis der Er­lö­sung heißt Er­in­ne­rung“ – So steht es auf ei­ner Ta­fel der Ho­lo­caust-Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem in Je­ru­sa­lem.
  • Wer aus der Ge­schich­te nichts lernt, ist ver­dammt, sie zu wie­der­ho­len. Wer sich da­ge­gen an fa­ta­le Feh­ler oder an ge­fähr­li­che Fal­len er­in­nert, kann sie vermeiden.
  • Er­lö­sen­de Er­in­ne­rung: Me­mo­ri­als, Stol­per­stei­ne, Mu­se­en, Gedenkstätten

Er­in­ne­rung wirkt identitätsstiftend

  • Ein wich­ti­ger Bau­stein mensch­li­cher Iden­ti­tät grün­det auf dem Ge­dächt­nis: Ich bin ich, weil ich mich an mei­ne Ge­schich­te erinnere.
  • Auch die Iden­ti­tät ei­ner Grup­pe, ei­nes Ver­eins oder ei­nes Vol­kes speist sich aus der Ge­schich­te, die­se soll durch Grün­dungs­fes­te, Ju­bi­lä­en oder Er­zäh­lun­gen wie­der ins Ge­dächt­nis ge­ru­fen werden.

⇒ Iden­ti­tät des Vol­kes Is­ra­el: Be­frei­ung aus ägyp­ti­scher Ge­fan­gen­schaft. Die Mah­nung an die Er­in­ne­rung dar­an zieht sich wie ein ro­ter Fa­den durch das Alte Testament:

„Hü­tet euch bloß da­vor, et­was von dem, was ihr ge­se­hen habt, zu ver­ges­sen! Ja, er­in­nert euch euer Le­ben lang dar­an und er­zählt es eu­ren Kin­dern und En­keln wei­ter!“  (Deu­te­ro­no­mi­um 4,9)

„Mein Volk aber hat mich ver­ges­sen! Sie op­fern den Göt­zen, die ih­nen nicht hel­fen kön­nen, und das brach­te sie zu Fall.“ (Je­re­mia 18,15)

Er­in­nern be­deu­tet kein Kon­ser­vie­ren und ist kei­ne Nostalgie

  • Es geht nicht um eine Hal­tung ge­treu dem Mot­to: Frü­her war al­les bes­ser, son­dern es geht um den in­ne­ren Zu­sam­men­hang von Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zukunft.
  • Neue Er­fah­run­gen ver­än­dern mei­nen Blick­win­kel auf das Er­leb­te und stel­len es in ein an­de­res Licht.
  • C.S. Le­wis, Jen­seits des schwei­gen­den Sterns:

„Die Freu­de wird erst in der Er­in­ne­rung voll­kom­men. (…) Als wir zwei ein­an­der be­geg­ne­ten war der Au­gen­blick der Be­geg­nung rasch vor­über, er war nichts. Jetzt aber, da wir uns sei­ner er­in­nern, wächst er zu et­was. (…) Das an­de­re ist nur der An­fang davon.“

⇒ Oft kann die Be­deu­tung ei­ner Be­geg­nung erst im Rück­blick deut­lich und nach­hal­tig wer­den. Die Din­ge er­hal­ten erst im Er­in­nern ih­ren Sinn, wie der Phi­lo­soph Kier­ke­gaard tief­sin­nig fest­ge­stellt hat:

„Das Le­ben muss im Vor­blick ge­lebt wer­den, kann je­doch erst im Rück­blick ver­stan­den werden.“

Er­in­nern be­deu­tet Brückenbau

  • Er­in­nern be­deu­tet Brü­cken­bau zu Men­schen durch Zeit und Raum, auch wenn sie nicht an­we­send sind. Es schafft eine in­ne­re Wei­se von Ge­gen­wart. Wie wohl­tu­end emp­fin­den wir das Ver­spre­chen: Ich den­ke an dich! Wie be­un­ru­hi­gend quält uns das Ge­fühl, von an­de­ren ver­ges­sen zu sein.

„Zion klagt: »Ach, der HERR hat mich im Stich ge­las­sen, er hat mich längst ver­ges­sen!« Doch Gott ant­wor­tet: »Kann eine Mut­ter ih­ren Säug­ling ver­ges­sen? Bringt sie es übers Herz, das Neu­ge­bo­re­ne sei­nem Schick­sal zu über­las­sen? Und selbst wenn sie es ver­ges­sen wür­de – ich ver­ges­se dich nie­mals! Un­aus­lösch­lich habe ich dei­nen Na­men auf mei­ne Hand­flä­chen ge­schrie­ben, dei­ne Mau­ern habe ich stän­dig vor Au­gen!“ (Je­sa­ja 49, 14ff.)

⇒ Gott kann den Men­schen nicht ver­ges­sen. Er ge­denkt sei­nes Bun­des mit den Men­schen auf ewig. Gott denkt an mich. Er kann gar nicht an­ders. Von ihm bin ich nie vergessen.

  • Die gro­ße jü­di­sche Er­in­ne­rungs­kul­tur schlägt sich vor al­lem in der Fei­er der Got­tes­diens­te nie­der. Sie ru­fen be­stimm­te Got­tes­er­fah­run­gen der Ge­schich­te Is­ra­els wie­der ins Ge­dächt­nis. So gibt die Misch­na An­wei­sung, wie das Pas­cha­fest ge­fei­ert wer­den soll:

„In je­dem Zeit­al­ter ist je­der ver­pflich­tet, sich so an­zu­se­hen, als wäre er sel­ber aus Ägyp­ten aus­ge­zo­gen. (…) Des­halb sind wir ver­pflich­tet, dem zu dan­ken, den zu prei­sen, zu lo­ben, zu ver­herr­li­chen, zu er­hö­hen, der an uns und an un­se­ren Vä­tern all die­se Wun­der ge­tan hat. Er hat uns her­aus­ge­führt aus der Ge­fan­gen­schaft in die Frei­heit, aus dem Kum­mer in die Freu­de, aus der Trau­er ins Fest, aus der Fins­ter­nis in gro­ßes Licht und aus der Knecht­schaft in die Er­lö­sung. Vor Ihm wol­len wir spre­chen: Halleluja“

Er­in­nern be­deu­tet Jetzt

  • Ähn­li­ches gilt für die christ­li­che Er­in­ne­rung: „Tut dies zu mei­nem Ge­dächt­nis“ be­auf­tragt Je­sus sei­ne Jün­ger beim letz­ten Abend­mahl – Also: Ver­gesst mich nicht und denkt an die Lie­be, die ich euch wäh­rend mei­nes Le­bens und jetzt bei die­ser Fei­er noch ein­mal ganz be­son­ders erweise.

⇒ Für den Glau­ben­den wird das, was Je­sus da­mals tat, im Jetzt real prä­sent. Er ist im Abend­mahls­saal live da­bei und fei­ert mit Je­sus zu­sam­men. Die Lit­ur­gie nennt aus­drück­lich die­se Ver­ge­gen­wär­ti­gung im so­ge­nann­ten lit­ur­gi­schen „ho­die“ = heute.

⇒ Er­in­ne­rung ist kei­ne re­li­giö­se Denk­mal­pfle­ge son­dern Verjetztigung.

„Aber ei­nes habe ich an dir aus­zu­set­zen: Von dei­ner an­fäng­li­chen Lie­be ist nicht mehr viel üb­rig.“ (Of­fen­ba­rung 2,4)

⇒ Die Mah­nung zur Er­in­ne­rung will hel­fen, das Feu­er des An­fangs zu hü­ten und die Glut der ers­ten Lie­ben nicht er­lö­schen zu lassen.

Er­in­nern be­deu­tet Sinnfindung

  • Was der Mensch über­zeugt als Er­in­ne­rung aus­gibt, wo­mit er ei­nen Au­gen­blick, eine Be­ge­ben­heit, ei­nen Sach­ver­halt wie­der­gibt, ist in Wirk­lich­keit eine Form von „sto­rytel­ling“ – Ge­schich­ten­er­zäh­len. Die­se Ar­beit voll­zieht sich un­auf­hör­lich in un­se­rem Geist. Sie dient dazu, die Dinge/Erlebnisse im­mer wie­der von Neu­em so an­zu­ord­nen, dass sie für den Au­gen­blick ei­nen Sinn er­ge­ben. So kon­stru­ie­ren wir Sto­ries aus dem, was an­de­ren oder ei­nem selbst pas­siert ist. Wir sind alle Ge­schich­ten­er­zäh­ler. Wir kön­nen nicht auf­hö­ren zu er­zäh­len, um ei­nen Sinn zu finden.
  • Der Har­vard-Pro­fes­sor Mar­shall Ganz schreibt, wir wür­den die Welt auf zwei Wei­sen in­ter­pre­tie­ren: Ana­ly­se und Er­zäh­lung. Wäh­rend es bei der Ana­ly­se um Ver­nunft und Be­wei­se gehe, wür­den wir un­ser Ver­ständ­nis da­von, wer wir sind, wo­hin wir ge­hen und war­um durch Er­zäh­lung ent­wi­ckeln. Er­zäh­lun­gen drück­ten eher aus, wie wir be­stimm­ten Din­gen ge­gen­über emp­fin­den, als was wir über sie den­ken. „Die ‚Wahr­heit‘ ei­ner Ge­schich­te liegt dar­in, wie sie uns be­wegt,“ schreibt er. Die­se Form der In­ter­pre­ta­ti­on hilft uns da­bei, die Fra­ge zu be­ant­wor­ten, war­um wir handeln.
  • Al­ler­dings gilt, dass wir uns zu je­dem Zeit­punkt un­ter­schied­lich er­in­nern. Der Vor­gang des Er­in­nerns ver­än­dert ein Er­leb­nis, manch­mal leicht, manch­mal so­gar ganz drastisch.