Be­lebt & Erfrischt

Be­lebt & Erfrischt

Du lebst, weil je­mand an dei­ne Tür klopft

Der Film stellt da­mit eine zu­tiefst mensch­li­che und zu­gleich re­li­giö­se Fra­ge: Wie vie­le Men­schen le­ben heu­te wei­ter, weil je­mand an ihre Tür klopft? Und wie vie­le ver­lie­ren ih­ren Le­bens­mut, weil nie­mand mehr anklopft?

Be­reits auf den ers­ten Sei­ten der Bi­bel fin­det sich ein be­mer­kens­wer­ter Satz. In Ge­ne­sis 2,18 sagt Gott:

„Es ist nicht gut, dass der Mensch al­lein sei.“

Das ers­te „nicht gut“ der ge­sam­ten Schöp­fung be­trifft we­der Krank­heit noch Schuld oder Leid. Es be­trifft die Ein­sam­keit. Der Mensch ist nach jü­di­schem und christ­li­chem Ver­ständ­nis kein Ein­zel­we­sen. Er ist auf Be­zie­hung hin geschaffen.

Der ehe­ma­li­ge bri­ti­sche Ober­rab­bi­ner Jo­na­than Sacks schrieb einmal:

„Gott lebt in Be­zie­hun­gen. Des­halb wer­den auch Men­schen erst in Be­zie­hun­gen wirk­lich Menschen.“

Die mo­der­ne Ge­sell­schaft ver­mit­telt uns oft, dass wir vor al­lem un­ab­hän­gig, selbst­stän­dig und au­to­nom sein müs­sen. Die Bi­bel er­zählt eine an­de­re Ge­schich­te. Sie sagt: Du wirst erst durch an­de­re zu dem Men­schen, der du sein kannst. Der Tal­mud bringt die­se Ein­sicht in die zu­ge­spitz­te Formulierung:

„Ent­we­der Ge­mein­schaft oder Tod.“

Was zu­nächst über­trie­ben klingt, er­scheint plötz­lich sehr real, wenn wir auf Otto schau­en. Er stirbt in­ner­lich nicht zu­erst an sei­ner Trau­er. Er stirbt an sei­ner Isolation.

In­ter­es­san­ter­wei­se be­gin­nen Ver­än­de­run­gen im Le­ben von Men­schen sel­ten mit ei­ner neu­en Er­kennt­nis. Wir glau­ben oft, wenn wir et­was nur gut ge­nug ver­ste­hen, wer­den wir uns ver­än­dern. Die Er­fah­rung zeigt je­doch: Men­schen ver­än­dern sich meist nicht durch In­for­ma­tio­nen, son­dern durch Be­zie­hun­gen. Ein schö­nes Bei­spiel da­für ist Za­chä­us im Lu­kas­evan­ge­li­um. Je­sus hält ihm kei­ne Pre­digt über sei­ne Feh­ler. Er sagt lediglich:

„Heu­te muss ich in dei­nem Haus einkehren.“

Be­vor sich Za­chä­us ver­än­dert, er­lebt er Zu­ge­hö­rig­keit. Be­zie­hung kommt vor Ver­än­de­rung. Nicht erst än­dern, dann da­zu­ge­hö­ren, son­dern erst da­zu­ge­hö­ren, dann ändern.

Ge­nau das ge­schieht auch bei Otto. Sei­ne Nach­barn ak­zep­tie­ren ihn nicht, weil er freund­lich, of­fen und un­kom­pli­ziert wäre. Sie neh­men ihn an, ob­wohl er mür­risch, stur und ab­wei­send ist. Und ge­ra­de die­se An­nah­me be­ginnt ihn lang­sam zu verändern.

Be­son­ders ein­drück­lich wird die­ser Zu­sam­men­hang auch in der Ge­schich­te des Pro­phe­ten Elia. Nach­dem er ge­gen die Pro­phe­ten des Baal ge­kämpft hat, fällt er in eine tie­fe Kri­se. Er ist er­schöpft, ver­zwei­felt und le­bens­mü­de. Er sagt so­gar zu Gott:

„Nun ist es ge­nug; nimm mein Le­ben hin.“ (1. Kö­ni­ge 19,4)

Elia möch­te nicht mehr le­ben. Gott be­geg­net ihm in die­ser Si­tua­ti­on be­mer­kens­wert prak­tisch. Er schickt kei­nen lan­gen theo­lo­gi­schen Vor­trag. Elia be­kommt zu­nächst Schlaf, Es­sen und Trin­ken. Da­nach be­geg­net Gott ihm in der Stil­le am Horeb.

Doch da­bei bleibt es nicht. Gott führt Elia nicht in ein dau­er­haf­tes spi­ri­tu­el­les Rück­zugs­le­ben. Er schickt ihn zu­rück un­ter Men­schen. Er er­hält den Auf­trag, Kö­ni­ge zu sal­ben und vor al­lem Eli­sha als sei­nen Nach­fol­ger zu be­ru­fen. Gott führt Elia zu­rück in eine tra­gen­de Be­zie­hung zu ei­nem Men­schen, der ihn be­glei­ten, un­ter­stüt­zen und ei­nes Ta­ges sein Werk fort­füh­ren wird.

Das ist be­mer­kens­wert. Selbst Gott heilt die Le­bens­mü­dig­keit Eli­as nicht al­lein durch Spi­ri­tua­li­tät. Er heilt sie durch Ver­bun­den­heit. Gott holt ihn aus der Iso­la­ti­on zu­rück in die Be­zie­hung zu Gott, zu ei­nem Weg­ge­fähr­ten und zu ei­ner Ge­mein­schaft von Glaubenden.

Der jü­di­sche Re­li­gi­ons­phi­lo­soph Abra­ham Jo­shua He­schel sag­te einmal:

„Le­ben be­deu­tet, von je­man­dem ge­braucht zu werden.“

Auch das er­le­ben wir bei Otto. Sein Le­bens­wil­le kehrt nicht zu­rück, weil plötz­lich alle Pro­ble­me ver­schwin­den. Er kehrt zu­rück, weil Men­schen ihn brauchen.

Viel­leicht liegt dar­in eine gro­ße Wahr­heit über den Men­schen. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet oft nicht: Habe ich noch Kraft? Son­dern: Für wen lohnt es sich, die­se Kraft einzusetzen?

Mar­tin Bu­ber, ei­ner der be­deu­tends­ten jü­di­schen Den­ker des 20. Jahr­hun­derts, schrieb:

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Un­se­re Iden­ti­tät ent­steht nicht iso­liert. Wir ent­de­cken uns selbst erst in der Be­geg­nung mit an­de­ren. Wer von nie­man­dem ge­se­hen wird, ver­liert oft auch den Blick für den ei­ge­nen Wert.

Im christ­li­chen Glau­ben wird die­se Über­zeu­gung noch ein­mal ver­tieft. Gott selbst geht Be­zie­hung ein. Je­sus sagt zu sei­nen Jüngern:

„Ich nen­ne euch nicht mehr Knech­te, son­dern Freunde.“

Gott ret­tet die Welt nicht durch eine Theo­rie und nicht durch ein Buch al­lein, son­dern in­dem er Mensch wird und Ge­mein­schaft mit Men­schen lebt. Die Mensch­wer­dung Got­tes ist die ra­di­kals­te Form gött­li­cher Nähe.

Des­halb ge­hört Ge­mein­schaft zum Zen­trum jü­di­schen und christ­li­chen Glau­bens. Sie ist kein net­tes Zu­satz­pro­gramm. Sie ist le­bens­not­wen­dig. Men­schen brau­chen Menschen.

Der Film »Ein Mann na­mens Otto « zeigt uns da­bei et­was Wich­ti­ges: Gro­ße Le­bens­wen­den be­gin­nen oft un­schein­bar. Nicht jede Ver­än­de­rung braucht ein spek­ta­ku­lä­res Er­eig­nis. Manch­mal ge­nügt ein An­ruf. Ein Be­such. Ein of­fe­nes Ohr. Eine Ein­la­dung zum Kaf­fee. Ein Mensch, der sagt: „Ich habe an dich ge­dacht.“ Viel­leicht kön­nen wir die Pro­ble­me an­de­rer Men­schen nicht lö­sen. Aber viel­leicht ist das auch gar nicht un­se­re wich­tigs­te Auf­ga­be. Der Pre­di­ger Sa­lo­mo schreibt:

„Ei­ner mag über­wäl­tigt wer­den, aber zwei kön­nen widerstehen.“

Es geht nicht dar­um, Las­ten ver­schwin­den zu las­sen. Es geht dar­um, sie ge­mein­sam zu tra­gen. Der jü­di­sche Ge­dan­ke des »Tik­kun Olam« – der Hei­lung der Welt – be­ginnt nicht mit glo­ba­len Pro­jek­ten. Er be­ginnt bei der Ver­ant­wor­tung für den Men­schen vor mir.

Am Ende wird Otto nicht durch Ar­gu­men­te ge­ret­tet, son­dern durch Zu­ge­hö­rig­keit. Men­schen än­dern sich dort, wo sie an­ge­nom­men wer­den. Men­schen fin­den Le­bens­mut dort, wo sie ge­braucht wer­den. Men­schen ent­de­cken Zu­kunft dort, wo an­de­re noch an sie glau­ben. Oder an­ders ge­sagt: Viel­leicht be­steht un­se­re wich­tigs­te Auf­ga­be nicht dar­in, im­mer die rich­ti­gen Ant­wor­ten zu ha­ben. Viel­leicht be­steht sie dar­in, recht­zei­tig an die Tür ei­nes an­de­ren Men­schen zu klop­fen. Denn manch­mal ent­schei­det ge­nau die­ses Klop­fen dar­über, ob ein Mensch auf­gibt – oder weiterlebt.

 

GE­BET

Gott,
Auch ich brau­che Men­schen, die an mei­ne Tür klopfen.
Men­schen, die mer­ken, wenn et­was nicht stimmt;
die nach­fra­gen, wenn ich mich zurückziehe;
die nicht gleich wie­der ver­schwin­den, wenn ich schwie­rig werde.
Schen­ke mir Men­schen, die mich dar­an er­in­nern, wer ich bin,
wenn ich es selbst ver­ges­sen habe,
die mir Hoff­nung lei­hen, wenn mei­ne ei­ge­ne auf­ge­braucht ist;
die mich nicht auf­ge­ben, wenn ich mich selbst auf­ge­ge­ben habe.
Und Gott, ma­che auch mich zu ei­nem sol­chen Menschen.
Zei­ge mir, bei wem ich an­ru­fen, zu wel­cher Tür ich gehen
und wem ich zu­hö­ren sollte;
wer ge­ra­de ei­nen Men­schen braucht, der ein­fach da ist.
Viel­leicht kann ich die Pro­ble­me an­de­rer nicht lösen.
Aber viel­leicht kann ich verhindern,
dass je­mand mit sei­nen Pro­ble­men al­lein bleibt.
Lass mich erkennen,
dass manch­mal eine Um­ar­mung wich­ti­ger ist als eine Erklärung
und ein we­nig ge­mein­sa­me Zeit wert­vol­ler als vie­le klu­ge Worte.
Dan­ke, dass du selbst ein Gott bist, der anklopft.
Der nicht auf­gibt. Der bleibt.
Und der uns im­mer wie­der Men­schen an die Sei­te stellt,
die uns hel­fen, weiterzugehen.
Amen.